Lexikon des Mittelalters: Band VIII Spalte 1224
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Ungarn
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I. LANDNAHME UND ZEIT DER ARPADEN
Das mittelalterliche Ungarn umfaßte das gesamte
Karpatenbecken, einschließlich der Berge und Täler Siebenbürgens.
Im 12. Jh. wurden Kroatien, Dalmatien und Slavonien ins Königreich
einverleibt, und im 13. bis 15. Jh. wurde die ungarische Oberhoheit in
weiten Gebieten südlich der Sawe und an der unteren Donau (in den
sogenannten Banaten), zeitweilig auch in der Walachei und in Teilen von
Bulgarien anerkannt. Als die Magyaren um 862 erstmals in der karolingischen
Ostmark erschienen gehörten alle dieser überwiegend von slavischer
Bevölkerung besiedelten Länder zum Bulgarischen reich, zu den
Marken des ostfränkischen Reiches und zum Großmähriaschen
Reich., dessen Verfall nach dem Tode Svatopluks
I. 894 es den vor den Pecenegen fliehenden Magyaren erlaubte,
das Karpatenbecken zu besetzen und von den Flußtälern der allmählich
zu besiedeln. Nach dem Tode Kursans,
der wohl Sakralfürst war (um 904), ging die Führung in die Hände
von Heerkönige aus dem Hause Arpasds (+ 907)
über,
doch blieben die Stammesfürsten noch für Generationenn selbständig.
899 brachen ungarische Truppen - wohl im Bündnis mit König
ARNULF gegen König BERENGAR I.
- in Italien ein, und von nun an wurden sie für Jahrzehnte zum Schrecken
Mittel- und W-Europas. Zwischen 911 und 933 erreichten plündernde
ungarische Scharen Spanien, Frankreich, Dänemark, Apulien und die
Provence. Der Erfolg dieser Züge, mit denen die Beute- und Kampflust
der jungen Gefolgschaftskrieger befriedigt wurde, basierte auf der Konkurrenz
der spät- und nachkarolingischen
Heerrscher. Die Raubzüge nach Westen endeten durch die Niederlagen
gegen HEINRICH I. bei Riade 933 und
OTTO
DEN GROSSEN auf dem Lechfeld 955; Beutezüge gegen das Byzantinische
Reich, so 934 gegen Konstantinopel, schlugen fehl. Über den militärischen
Aspekt hinaus galt die Niederlage auf dem Lchfeld als Verlust des "Glücks",
erschütterte die Macht der als Heerführer fungierenden Stammesfürsten
und begünstigte den Ausbau einer monarchischen Stellung der ARPADEN-Fürsten.
Dieser Prozeß hatte freilich schon bald nach der Landnahme eingesetzt,
als die Großfürsetn ein Netz von dienstpflichtigen Dörfern
errichteten und ihre Gefolgschaft allmählich in Erdburgen ansiedelten.
Den entscheidenden Schritt zur Annäherung Ungarns
an seine westlichen Nachbarn tat Großfürst
Geza (970/72-997), der 973 eine Gesandtschaft an den Hof Kaiser
OTTOS II. sandte und um Missionare bat. Sein Sohn Vajk,
der nach seiner Taufe den Namen Stephan (der Heilige,
997-1038) annahm, brach als erster christlicher König die
Macht seiner stammesfürstlichen Rivalen, schuf eine königliche
Verwaltung sowie eine Kirchenverfassung und erließ Gesetze, die karolingische
und bayerische Elemente aufnahmen. Ungarns Anschluß an das lateinisch-christliche
Europa um 1000 war damit beschlossen und wurde nie wieder ernsthaft in
Frage gestellt. In den folgenden Jahrhunderten wurde Ungarns Entwicklung
durch die strategische Lage am östlichen Rand des lateinischen Europa
und an der westlichen Grenze des Byzantinischen Reiches sowie durch seine
Funktion als wichtiges Durchgangsland für Pilger und Kaufleute bestimmt.
Steppennomadische Tradtionen verhinderten zunächst die Ausbildung
von regionalen Bindungen und Immunitäten und begünstigten so
die Errichtung einer starken Monarchie. Dies, verbunden mit dem schnellen
Wachstum der Bevölkerung (von etwa 400.000-600.000 Einwohnern in der
Landnahmezeit auf 1 Million am Ende des 11. und etwa 2 Millionnen im frühen
13. Jh.) und mit der Einwanderung westlicher Kleriker, Ritter und bäuerlicher
und städtischer Siedler, erleichterten die "Anpassung" an das westliche
Europa. Dank der von Stephan I. gelegten
Basis überstand Ungarn die kritische, durch innere Kämpfe und
ausländische (vor allem deutsche) Interventionen gekennzeichneten
Jahrzehnte nach seinem Tod. Kaiser HEINRICH III.
bekriegte Ungarn mehrfach, um seinen Schwiegersohn, König
Salomon (1063-1074), in den Thronstreitigkeiten zu unterstützen
[Richtigstellung: HEINRICH III. griff
wiederholt zugunsten Peters I. in Ungarn
ein und starb im Jahre 1056.], die wegen des zwischen Seniorat und Primogenitur
schwankenden Nachfolgeprinzips immer wieder ausbrachen. Obwohl in der Folgezeit
den jüngeren Brüdernd er Herrscher gesonderte Territorien, sogenannte
Herzogtümer (ducatus), zugewiesen wurden, dauerten die Bruderkriege
fort. Zweimal revoltierten die alten, der Stammesverfassung anhängenden
Kräfte gegen die monarchische Ordnung: 1046 wurde unter anderem der
gelehrte Bischof Gerhard Opfer eines heidnisch inspirierten Aufstands;
1061 vermochte eine gewisser Janos, Sohn des Vata oder Vatafia, die sozial
abgesunkenen Freien (rustici) aufzuwiegeln.
Unter König Ladislaus I.
(1077-1095) und seinem Neffen Koloman
(1095-1116) war das Königtum wieder stark genug, nicht
nur die innere Ordnung herzustellen und durch neue Gesetze das System des
Privateigentums sowie die Normen christlicher Lebensweise durchzusetzen,
sondern auch die Angriffe der aus dem Osten nachrückenden Steppenvölker
(Pecenegen, Uzen, Kumanen) abzuwehren. Nachdem
Ladislaus Slavonien annektiert hatte, nutzte er das Aussterben
der kroatischen Dynastie, um ihr Land zu besetzen. Die ungarische Expansion
im SW wurde von Koloman vollzogen,
der 1106 die Huld der dalmatinischen Städte empfing, sich zum König
von Kroatien krönen ließ und dort einen Banus einsetzte. Ungarische
Präsenz an der Adria wurde zwar immer wieder durch Byzanz und Venedig
in Frage gestellt, doch bestand sie - mehr der weniger kontinuierlich -
bis ins frühe 15. Jh. Neben der Orientierung auf den Süden blieb
das traditionelle ungarische Interesse im NW erhalten. Militärische
Aktionen bezuegen auch das Interesse an Halic, doch zwangen die Magnaten
König
Stephan II. (1116-1131) zur Heimkehr und demonstrierten damit
ihre wachsende Macht. Im 12. Jh. befand sich Ungarn zwischen den Reichen
Kaiser
FRIEDRICHS I. und Kaiser Manuels I.
Komnensoo die beide die noch immer umstrittene Nachfolgeordnung
in Ungarn benutzten, um Thronprätendenten zu unterstützen und
sich in die Angelegenheiten des Landes einzumischen.
Trotz der anhaltenden äußeren und inneren
Kriege machte der Landeasausbau - unter anderem mit der Besiedlung noch
nicht erschlossener Grenzgebiete - große Fortschritte. Unter Geza
II. (1141-1162) strömten wallonische und rheinländische
Siedler (hospites) ins Land und erhielten eine privilegierte Stellung auf
den königlichen Domänen. Die Mehrzahl der ungarischen Bevölkerung
lebte zu dieser zeit nicht nomadisch, sondern wohnte in Grubenhäusern
auf den Dörfern und wanderte nur zur primitiven Bodenbewirtschaftung
zu entfernter gelegenen Federn. Auf kirchlichem und immer mehr auch auf
weltlichem Grundbesitz dominieerte die Arbeit von Abhängigern in den
sogenannten praedia. Während einerseits zahlreiche Belege für
Freilassungen von servi vorhanden sind, gerieten immer mehr freie Bauern
und Hirten in grundherrliche Abhängigkeit. Die Viehzucht blieb zwar
bedeutend - besonders in den zantralen Landesteilen -, doch wurde die Bodennutzung
mit den von den hospites eingeführten und auch von den Mönchsorden
geförderten Methoden allmählich ebenbürtig. Nach den Gründungen
der Benediktinerklöster (zum Beispiel Martinsberg, vor 997 gegründet)
entstanden bis zum 12. Jh. 17 Zisterzienser- udn 33 Prämonstratenserklöster.
Viele ältere Benediktinerabteien, die oft von den mächtigen Adelssippen
als Kultzentren und Grablegen errichtet worden waren, sowie auch königliche
Klöster und Kollegiatstifte gingen nun an die neuen Orden über.
Während des Pontifikats des Erzbischofs Lukas von Gran (1158-1181)
wurde die ungarische Kirche im gregorianischen Sinne reformiert und stieg
zu einem unabhängigen Machtfaktor auf. Der byzantinische Einfluß
erreichte in der Zeit König Belas III. (1172-1196),
der teilweise nach byzantinischem Vorbild Reformen am Hofe durchführte,
seine letzte Etappe. Auf Bela gehen
die Anfänge der ungarischen königlichen Kanzlei zurück.
Mit seiner zweiten Frau, Margarethe Capet,
Schwester König Philipps II. Augustus,
erlangte der französische Einfluß vor allem am Hof Geltung.
Damals entstand das erste, im Originaltext auf uns gekommene ungarische
Geschichtswerk, die "Gesta Hungarorum" des anonymen Notars "Magister
P", das zwar für die von ihm beschriebene Landzeitnahnme wenig zuverlässig
ist, jedoch mit seinen heroisierenden Genealogien der um 1200 lebenden
Adeslsippen das wachsenden Prestige der Aristokratie bezeugt. Während
sie im Streit miteinander lagen, verschenkten die Söhne
Belas III., Emerich (1196-1204)
und Andreas II. (1205-1235), zahlreiche
Königsgüter an ihre Parteigänger, wodurch - parallel zum
allmählichen Verfall des alten Systems der Burgbezirke und trotz der
Ermahnungen Papst Innozenz' III. an König
Emerich - ein Großteil des Kronlandes in die Hände
der weltlichen Grundbesitzer gelangte. Unter Andreas
II. weitete sich Ungarns Einflußsphäre
auf dem nördlichen Balkan und nördlich der Karpaten aus: Serbien,
Rama Bosnien, galizien und Lodomerien, Kumanien (die spätere Walachei)
und Bulgarien erschienen auch im ungarischen Königstitel, dokumentierten
jedoch eher bloße Ansprüche als eine tatsächliche Oberhoheit.
Der von Andreas um 1211 als Stützze des Mission bei den Kumanen ins
Land geholte Deutsche Orden mußte Ungarn bereits 1225 wieder verlassen.
Im Herbst 1222 erreichten dei Magnaten, unterstützt von den servientes
regis, daß der König einen allgemeinen Freiheitsbrief erließ.
Die "Goldenen Bullen" von 1222 und 1231 garantierten den Adligen gerichtliche
Immunität, Beschränkung des Kriegsdienstes und unbegrenzte Erbfolge
auf ihren Gütern und sicherten ihnen - gemeinsam und individuell -
das Widerstandsrecht zu. 1223 folgte eine ähnliche Kodifikation für
die Freiheiten des Klerus, und 1224 erließ Andreas
das "Privilegium Andreanum" für die Siebenbürger Sachsen.
Belas IV. (1235-1270) Versuche,
das entfremdete Krongut zu "rekupieren", verursachten einerseits Widerstand
bei den Magnaten, andererseits stärkten sie den Einfluß der
Kirche. Diese verlangte unter anderem die Entlassung der jüdischen
und mohammedanischen Kammerknechte, die der Krone anstelle des Landbesitzes
neue Einkünfte sichern sollten.
Über Ungarn wurde der Kirchenbann verhängt,
wovon jedoch das Königshaus wegen der heiligen
Elisabeth von Thüringen und der seligen
Margareta von Ungarn ausgenommen blieb. Die Ankunft der Mongolen
bewirkte eine starke Zuwanderung von Kumanen nach Ungarn, die zwar zunächst
aufgenommen wurden, aber bald mit der seßhaften Bevölkerung
in Streit gerieten und plündernd das Land verließen. Der König
verlor in ihnen eine im Kampf gegen die Steppennomaden erfahrene Kraft,
und das königliche Heer wurde in der Schlacht von Mohi (11. April
1241) von den Mongolen fast völlig vernichtet. Der König floh
nach Österreich und von dort an die dalmatinische Küste. Die
Mongolen verwüsteten das Land, mußten aber wegen des Todes ihres
Großkhans Ögödai nach Innerasien zurückkehren. Der
Wiederaufbau nach 1242 brachte Bela IV.
den Titel eines "zweiten Gründers" von Ungarn ein. Der König
legitimierte den Burgenbau der Großgrundbesitzer, unterstützte
die städtischen Befestigungen und die Übertragung von Privilegien
an die Städte, in denen nun die Bettelorden mit insgesamt etwa 70
Konventen eine bedeutende Rolle spielten. Er errichtete neue Burgen auf
königlichem Besitz. Siedler aus den Nachbarländern und ihre Schultheißen
sowie die Rodungsbauern erhielten die früher nur den westlichen hospites
verliehenen Freiheiten. Die Kumanen wurden wieder ins Land gerufen und
ihre Rechtslage geregelt, womit der König eine bedeutende Streitkraft
für sich gewann. 1276 erreichten die servientes regis die Verbriefung
ihrer Teilhabe an Verwaltung und Rechtsprechung sowie ihrer nach dem Vorbild
des Hochadels gestalteten Privilegien. Diese Maßnahmen führten
innerhalb eines Jahrhunderts zur Entstehung der Schicht der Iobagie (jobhagy),
doch erweiterten sie auch Einküfte und Macht der weltlichen Magnaten,
die von nun an in Steinburgen im Zentrum ihrer Ländereien auch dem
König Widerstand leisten konnten. Unter Stephan
V. (1270-1272), der jahrelang den Titel eines "rex junior"
geführt und mit seinem Vater im offenen Krieg gestanden hatte, nahm
die Macht der Barone (seit 1250 erscheint dieser Begriff regelmäßig
in Königsurkunden) noch zu Stephans
Sohn, Ladislaus IV. "der Kumane" (1272-1290),
versuchte, sich der kirchlichen und aristokratischen Vormundschaft zu entziehen,
indem er sich auf die Kumanen stützte, von denen seine Mutter abstammte.
An der Spitze seiner Kumanen hatte er als Verbündeter RUDOLFS
von Habsburg Anteil am Sieg über König Otakar II.
Premysl von Böhmen 1278 bei Dürnkrut, doch war er schließlich
gezwungen, gegen sie vorzugehen und fand in ihrem Lager den Tod.
Der letzte König der staatsgründenden Dynastie,
Andreas
III. "der Venezianer" (1290-1301), sah sich einer noch stärkeren
Magnatenopposition gegenüber, da seine Legitimität in Frage gestellt
wurde. Die großen Adelssippen der GÜSSINGER, des Matthäus
Csak, der ABA, der AMADE und anderer errichteten kleine selbständige
Fürstentümer mit Hofämtern und eigenen Streitkräften.
Um ihrer Macht ein Gegengewicht entgegenzustellen, rief Andreas
III. mehrere "parlamenta" des Kleinadels und des Klerus zusammen.
Die servientes regis, die sich bereits seit dem frühen 13. Jh. in
Korporationen organisierten, übernahmen allmählich die Aufgaben
der mit der Veräußerung des Kronguts zerfallenden königlichen
Burgbezirke unter der Leitung des weiterhin vom König ernannten Gespans.
Auch anderen minderfreien Gruppen, wie zum Beispiel den Burgmannen (iobagiones
castri), gelang es, ihre Freiheiten zu behaupten oder zu erweitern und
- zumindest juristisch - in die niederen Schichten des Adels (meist als
"nobiles unius sessionis") aufzusteigen. Daneben konnten weitere Bevölkerungsgruppen
bis in die Neuzeit der gutsherrlichen Unterwerfung widerstehen: die zum
Kriegsdienst verpflichteten Kumanen, die alanischen Jaszen und die Szekler.
Die rumänischen Vlachen dürften im 12.-13. Jh. in größerer
Zahl vom Balkan nach Siebenbürgen gewandert sein, wo sic Siedlungsrecht
auf "Königsboden" erhielten; ob auch noch romanisierte Daker im Karpatenbecken
lebten, läßt sich weder beweisen noch widerlegen. Die Rumänen
in Siebenbürgen behielten einen Sonderstatus unter der Führung
von selbstgewählten 'Knezen', von denen seit dem 14. Jh. viele Zugang
zum ungarischen Adel fanden. Ihre Sonderabgaben (Schafe, Käse, Wolle)
deuten darauf hin, daß sie in der Mehrzahl Transhumanz betrieben.
II. ANJOU-KÖNIGE
Bereits vor dem Tode Andreas'
III. (1301), des letzten männlichen ARPADEN,
meldeten verschiedene Thronprätendenten mit Unterstützung der
Barone ihre Kandidatur an. Der schließlich erfolgreiche Karl
I. (Robert) von Anjou (1308-1342), unterstützt von der
pästlichen Kurie und den Magnaten im Süden setzte sich erst nach
dem Scheitern Wenzels III. (in Ungarn
Ladislaus
genannt, 1301-1304) und Ottos
von Wittelsbach (1304-1308) durch. Nach Schlachten gegen Oligarchen
(1312 und 1326) gelang Karl
die Vereinigung
des Landes und die Wiederherstellung der Monarchie, wobei er sich auf eine
neue Aristokratie stützen konnte, in der sich dem Königtum wieder
treue Magnaten und aus dem Ausland zugewanderte oder aus dem mittleren
Adel aufgestiegene Adelssippen zusammenfanden. Obwohl der Adel 1312 auf
dem Landtag gegenüber dem päpstlichen Legaten sein "Wahlrecht"
betonte, konnten sich Karl und seine
Nachfolger Ludwig I. (1342-1382) und
Maria
(1382-1395) unangefochten auf ihr Erbrecht berufen und brauchten
nur selten Adelsversammlungen durchzuführen.
Unter den beiden ANJOU-Königen
erlebte Ungarn einen einmaligen Aufschwung. Die materiellen Grundlagen
des Königtums wurden durch Reorganisation der königlichen Burgdomänen,
von denen nahezu 120 wieder sder Krone gehörten, gesichert. Zuverlässige
Barone erhielten sie als "honres" auf begrenzte Zeit. Die königlichen
Einkünfte aus dem Edelmetall bergbau wuchsen dank der neu eingeführten
Beteiligung der Grundherren an den Einnahmen mit Hilfe deutscher Bergleute
und ermöglichten nicht nur sdem König einen prachtvolle Hofhaltung
unsd ritterliche Lebensweise. Ungarns Silber- und Goldproduktion wurde
für den europäischen Edelmetallmarkt maßgebensd, und 1325
begann Ungarn, Goldgulden zu prägen, die ihren Wert bis in die Neuzeit
behielten. Zum Ausgleich des Fortfalls der Gewinne aus der Münzverschlechterung
wurde nach der Münzreform eine einheitliche direkte Steuer, die sogenannte
Portalsteuer (lucrum camerae), eingeführt. Die Landesverteidigung
wurde unter Einbeziehung der bestehenden "Privatheere" der Herrscher, Barone,
Prälaten und de rgroßen Adelssippen neu organisiert; diese durften
jeweils Banderien unter ihrer eigenen Fahne ins Feld führen. Daneben
stellte der Gemeinadel Truppen für die Komitatsbnanderien. Ein Gesetz
von 1351 bestimmte ursprünglich nur für die Nachbarländer,a
ber in der Interpreatation doch verallgemeinert - die juristische Gleichstellung
aller Adligen (una eademque nobilitas). Obwohl diese Deklaration Verfassungsrang
erlangte, mußten sich viele niedere Adlige zum Dienst in den familiae
höherer Adliger verpflichten (familiares). Allerdings verlor kein
Adliger seine "Königsunmittelarkeit". Die familiares dienten in den
Truppen der Magnaten, verrichteten Verwaltungs- und Gerichtsaufgaben für
ihre Herren und legten durch ihre Dienste die Basis für den Aufstieg
auch ärmerer Sippen.
Fortschritte in der Landwirtschaft (allmähliche
Verbreitung der Dreifelderwirtschaft, Einführung neuer Anbausorten,
Züchtung höherwertiger Tiere), rasches Bevökerungswachstum
(bei offenbar geringen Verlusten durch Hungersnöte und Pest im 14.
Jh.) und aktive Teilnahme Ungarns am internationalen Handel beschleunigten
auch die Stadtentwicklung. Es formierte sich die Gruppe der königlichen
Freistädte mit besonderen Privilegien und eigener hoher Gerichtsbarkeit.
1335 einigten sich Böhmen, Polen und Ungarn in Visegrad (der ehemaligen
Residenz) darauf, ungarische waren über Mähren (Brünn) nach
Westen zu exportieren, um den Wiener Stapel zu umgehen. Im 14. Jh. nahm
die Zahl der nichtprivilegierten Marktflecken (in den Quellen "oppida"
genannt) zu, deren Einwohner weiterhin in grundherrlicher Abhängigkeit
lebten. Doch boten sich ihnen bedeutende Aufstiegschancen, da sie begrenzte
Freiheiten genossen und einen regen Handel (vor allem mit Wein, Vieh und
auch Getreide) trieben. Im Vergleich zu den echten Städten, deren
Handwerksproduktion mit den Importen nicht konkurrieren konnte, und die
unter der geringen Potenz des Binnenhandels litten, entwickelten sich diese
"Feldstädte" viel schneller. Ihre Zahl stieg bis 1500 auf mehrere
Hunderte an, während die königlichen Städte und Bergstädte
nur einige Dutzend zähltebn und meist verhältnismäßig
klein blieben.
Mit Ausnahme des Visegrader Treffebns hatte die Außenpolitik
der ANJOU-Herrscher grundsätzlich
dynastische Grundlagen: Ludwig I. führte
mehrere letztlich erfolglose Kriegszüge nach Neapel-Sizilien, um die
dortige Sekundogenitur seines Hauses zu sichern (Ernennung seines jüngeren
Bruders Andreas zum König von
Neapel). Ludwigs kreuzzugsartiges Vorgehen
gegen die Bogomilen, gegen Bosnien und Stefan
Dusan von Serbien schadete dem Ansehen Ungarns, das auf dem
Balkan bald Verbündete gegen die Osmanen benötigt hätte.
1370 erbte Ludwig nach dem Tod Kasimirs
III. den polnischen Thron, und die kurzzeitige Personalunion
der beiden Königreiche bewirkte die teilweise Gestaltung der polnischen
Adelsprivilegien nach ungarischem Vorbild. Doch blieb die ungarische Herrschaft,
die vor allem durch die Königin-Mutter Elisabeth
Piast ausgeübt wurde, war im Nachbarland unbeliebt.
III. VON KAISER SIEGMUND BIS MATTHIAS CORVINUS
Zwar schien die Loyalität der neuen ungarischen Aristokratie
die in Europa selten praktizierte weibliche Nachfolge zu sichern; doch
war die kurze Regierung Marias, Tochter
Ludwigs
I. und Gemahlin des LUXEMBURGERS SIEGMUND
(König von Ungarn 1387-1437), durch wiederholte Magnatenaufstände,
denen ihre Mutter zum Opfer fiel, und Revolten charakterisiert. Schließlich
erlangte SIEGMUND mit Unterstützung
einer "Liga" der Magnaten den Thron und regierte - trotz anfänglichen
Widerstandes - über eine lange Zeit erfolgreich. Die Barone ünernahmen
während verschiedener kurzer Interregna (in Abwesenheit oder bei Gefangenschaft
SIEGMUNDS)
die Regierung "im Namen der Heiligen Krone", das heißt eines transpersonalen
Staatssubjekts. Diese Rechtskonstruktion, im 16. Jh. Gewohnheitstrecht
verankert, wurde zum Eckstein der ungarischen Verfassung. Die letzte Herausforderung,
der
SIEGMUND entgegenzutreten hatte,
war 1403 die Krönung Ladislaus' von Anjou-Durazzo,
Sohn Karls III. (1386 ermordet), zum
ungarischen König in Zadar. Obwohl die Rebellion bald niedergeschlagen
wurde, bewirkte sie den endgültigen Verlust Dalmatiens an Venedig.
Zur Festigung seines Königtums gründete SIEGMUND
den Drachenorden.
Die Herrschaft SIEGMUNDS
und seiner Barone fand ganz unterschiedliche Bewertung. Sowohl die Zeitgenossen
als auch die Nachwelt bezichtigten ihn der Begünstigung von Ausländern
und der Vernachlässigung ungarischer Angelegenheiten. Manche seiner
ausländischen Ratgeber, wie der Pole Stiborc, der Italiener Pipo Sclari
oder die Ragusaner Talloci-Brüder, waren höchst erfolgreich bei
der Durchführung von Reformen in der Finanzverwaltung, im Heerwesen
und in der Landesverteidigung. Die Niederlage des vorwiegend frnzösisch-ungarischen
Kreuzfahrerheerers gegen Sultan Bayezid I. bei
Nikopolis veranlaßte SIEGMUND,
die Banderien der Magnaten mit Truppen des niederen Adels, die wohl größtenteils
aus Söldnern bestanden, zu verstärken. SIEGMUND
erließ ein ausführliches Gesetz über die Rechtsstellung
der Städte und sicherte den Bauern Freizügigkeit zu. Da die osmanische
Eroberung der südlichen Nachbarstaaten nicht mehr aufzuhalten war
und sich bei Nikopolis die Unmöglichkeit gezeigt hatte, das Heer des
Sultans in offener Feldschlacht zu besiegen, richtete man sich auf die
Verteidigung des Landes ein. SIEGMUNDS
Barone errichteten ein ungarisch-kroatisches Verteidigungssystem, das aus
einer doppelten Kette von Festungen bestand, deren Besatzungen von mobilen,
meist aus südslavischen Flüchtlingen rekrutierten Truppen unterstützt
wurden. Es überdauerte im wesentlichen ein Jahrhundert. Ofen (Buda
und Pest) wurde unter SIEGMUND zur
prachtvollen Haupststadt Ungarns. Zwar scheiterte die Universitätsgründung
in Alt-Ofen 1395/1410 ebenso wie die von Fünfkirchen 1367, doch gelang
es SIEGMUND durch den Aufenthalt von
Vertrwetern des Frühhumanismus in Ofen, in der königlichen Kanzlei
reges Interesse an der neuen Bildung zu wecken. Im Wirtschasftsleben und
Steuersystem setzte sich das Geldwesen durch, worin offenbar die Ursache
eines Aufstands in O-Ungarn und Siebenbürgen lag, wo Bauern und Kleinadlige
1437 gegen die Zehntforderung des Bischofs Georg Lepes zur Waffe griffen.
Obwohl bald niedergeschlagen, verursachte dieser Aufstand unter der Führung
von Antal Budai Nagy die Entstehung der Drei-Stände-Union in Siebenbürgen:
Ungarn, Szekler und sachsen verbrüderten sich im Kampf gegen die bewaffneten
ungarischen und rumänischen Bauern.
Da SIEGMUND nur eine
Tochter (Elisabeth von Luxemburg) hatte,
sicherte er die Nachfolge seines Schwiegersohnes ALBRECHT
von Habsburg (König von Ungarn 1437-1439) durch Eide der
Magnaten und Landtagsbeschlüsse. ALBRECHT
starb
aber bald nach seiner Krönung im Heerlager gegen die Osmanen, worauf
die "Soldatenbarone" die Krone dem jungen Wladislaw
Jagiello von Polen (in Ungarn Wladislaw
I., 1440-1444) anboten. Doch gebar die Königin-Witwe noch
während der Wahlverhandlungen einen Sohn und ließ mit Unterstützung
anderer Magnaten den Säugling Ladislaus (V.
"Postumus", 1440-1457) zum König krönen. Obwohl die
habsburgische
Partei zunächst gegen Wladislaw
unterlag, erlangte
Ladislaus 1453 nach
jahrelangem Interregnum, das dem Tode des Polen-Königs in der Schlacht
bei Varna folgte, allgemein Anerkennung. In der Zwischenzeit hatten Magnaten
als "Kapitäne" und 1446-1452 Johannes (Janos) Hunyadi als vom
Landtag gewählter Reichsverweser in Ungarn regiert. In der königslosen
Zeit teilten die nunmehr regelmäßig tagenden Stände zahlreiche
Staatsaufgaben mit der Zentralgewalt, wodurch der Landtag bedeutende Machtbefugnisse
erhielt. Es war daher kein Wunder, daß nach dem frühen Tod Ladislaus'
V. die Parteigänger Hunyadis nicht nur mit Magnatenbündnissen
und Waffen, sondern auch unter Aufbietung eines großen Landtags danach
strebten, den jüngeren Sohn des nach der Entsetzung Belgrads 1456
gestorbenen Hunyadi auf den Thron zu heben. Matthias
I. Corvinus (1458-1490) versuchte
zwar, die Politik seines Vaters nachzuahmen, indem er ein Söldnerheer
aufstellte, eine Reform der für seinen Unterhalt nötigen Einkünfte
durchführte, diese auch rigoros einforderte und den Einfluß
der Aristokratie durch Heranziehung vieler homies novi zu begrenzen suchte.
Doch mußte er zunächst seine Stellung unter den Dynastien Mitteleuropas
festigen und konnte weniger an der S-Grenze aktiv sein. Da die Einkünfte
der Krone in den besten Jahren um die 800.000 Guklden ausmachten, konnte
sich Matthias als bedeutender Kunstmäzen
betätigen. Zwar blieb die Universitätsgründung des Königs
und seines Kanzlers, des Graner Erzbischofs Johannes Viez, in Preßburg
1465 wiederum nur kurzlebig, die "Bibliotheca Corviniana" sowie die Prachtbauten
in Ofen und Visegrad zeigen jedoch seine Freigiebigkiet und seinen Kunstsinn.
Er umgab sich mit italienischen und ungarischen Humanisten und die erste
Offizien in Ofen druckte die "Chronica Hungarorum" des Johannes Thuroczy.
Die zahlreichen Kriege in Böhmen, Polen und Österreich bewiesen
die Schlagkraft des Söldnerheeres, belasteten aber das Land bis an
den Rand der Erschöpfung. Ungarns bedeutender Export von Wein, Vieh
und Kupfer reichte nicht aus, um den Gegenwert der benötigten ausländischen
Waren zu erwirtschaften, so daß die jährliche Ausfuhr von 150.000
Gulden in Gold und Silber die Zahlungsbilanz ausgleichen mußte.
IV. DIE HERRSCHAFT DER BÖHMISCH-UNGARISCHEN KÖNIGE BIS ZUR SCHLACHT VON MOHACS
Die aristokratische Reaktion, die nach dem Tod vonMatthias
Corvinus den Böhmen-König
Vladislav II. (in Ungarn Wladislaw
II., 1490-1516) auf den Thron hob,
machte viele von Matthias' Reformen
rückgängig oder wandte sie zugunsten der Magnaten an. Das nunmehr
unbezahlte und plündernde Söldnerheer mußte von seinen
eigenen ehemaligen Generälen zerstreut werden. Unter Vladislav
und seinem Sohn Ludwig II. (1516-1526) verschlechterte
sich die stragetische Lage des Landes gegenüber den Osmanen ständig.
Obwohl die Adelsversammlungen die Verteidigung Ungarns mit großen
Worten propagierten, verschwand die Kriegssteuer in den Händen der
Magnaten: Auch der Hof verarmte. Wirtschaftliche Not, auch infolge osmanischer
Raubzüge, und soziale Spannungen führten dazu, daß ein
für 1514 gepredigter Kreuzzug gegen die Türken in einen Bauernkrieg
mündete. Harte, vom Landtag verabschiedete Strafgesetze bestimmten
seitdem die "ewige Untertänigkeit" der Bauern und leiteten den Übergang
der Iobagie in die gutsherrliche Abhängigkeit ein. Nachdem Ungarn
einen zehnjährigen Waffenstillstand mit den Osamenen nicht erneuert
hatte, fiel Belgrad 1521 an die Osmanen und seitdem war das Land für
Angriffe vom Balkan her offen. Eine Münzverschlechterung zeigte an,
daß die Staatskasse den zunehmenden Verteidigungslasten nicht gewachsenw
ar. Hinzu kamen ständige Parteikämpfe in Adel und Aristokratie,
manchmal verkleidet in "nationalen" Losungen gegen den "fremden Hof"; tumultartige
Landtage verhinderten Reformbestrebungen. Ihr einziger Erfolg war die Verabschiedung
einer Sammlung des ungarischen Gewohnheitsrechts, zusammengestellt von
Istvan Werböczy (1517 in Wien gedruckt); sie sollte noch für
Jahrhunderte als "Corpus Iuris Hungariciu" gelten. Ungeachtet des politisch-wirtschaftlichen
Verfalls verbreitetet sich humanistische Kultur, und es zeigten sich die
ersten Spuren der Reformation.
Als sich im Sommer 1526 Sultan
Süleyman II. entschloß, Ungarn anzugfreifen, waren
königliches Heer, Adelsaufgebot und Hilfstruppen aus Böhmen unfähig,
die Osmanen aufzuhalten. Das vereinigte Heer unterlag in der Schlacht von
Mohacs am 29. August 1526. Der junge König
Ludwig starb auf der Flucht, fast alle Prälaten und Barone
waren zuvor gefallen. Die Osmanen nahmen Ofen ein, verwüsteten die
Stadt und zogen sich vorerst auf den Balkan zurück. Obwohl die Zeitgenossen
bis zur osmanischen Besetzung Ofens (1541) auf eine Fortsetzung der Eigenstaatlichkeit
und trotz der doppleten Königswahl (FERDINAND
I. von Habsburg [1526-1564] und Johann
von Zapolya [1526-1540]) auf eine Wiedervereinigung des Königreiches
hofften, darf die Schlacht von Mohacs als das Schlußdatum des mittelalterrlichen
Königreiches Ungarn gelten.
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