Begraben: Kloster Notre-Dame-de-Barbeu nahe Fontainebleau
2. Sohn des Königs Ludwig
VI. der Dicke von Frankreich aus seiner 2. Ehe mit der Adelheid
von Savoyen, Tochter von Graf Humbert II.
Lexikon des Mittelalters: Band V Spalte 2183
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Ludwig VII., König von Frankreich 1137-1180
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+ 18. September 1180
Paris
Begraben: Notre-Dame-de-Barbeau
1. oo Eleonore, Erbin des Herzogtums Aquitanien (geschieden 1152)
2. oo 1153/54 Konstanze von Kastilien (+ 1160)
3. oo 1160 Adela von Champagne
Nach dem Tod des älteren Bruders Philipp
am 25. ktober 1131 auf dem Konzil von Reims durch Papst Innozenz II. geweiht,
folgte Ludwig VII. seinem am 1. August
1137 verstorbenen Vater, Ludwig VI. Wesentliche
Aufgaben und Entwicklungen seiner Herrschaft waren vorgezeichnet: Die langsame
Konsolidierung der Krondomäne stellte das Königtum in Konkurrenz
zu mächtigen Vasallen, unter denen die Häuser BLOIS-CHAMPAGNE
und ANJOU herausragten. Die Durchsetzung
Graf
Gottfrieds von Anjou als normannischer Herzog und seines Sohnes,
Heinrichs
II., 1154 als englischer König bedrohten im ganzen 12.
Jh.die kapetingische Monarchie. Durch
wiederholte Eingriffe in familiäre Auseinandersetzungen der PLANTAGENETS
vermochte Ludwig VII. zwar seine Lehnshoheit
für den angiovinischen Festlandsbesitz
zu behaupten. Doch der aus der Ehe mit Eleonore
erhoffte
Anfall Aquitaniens und der Ausgriff ins Midi, dem Ludwig
VII. 1137-1154 durch die erweiterte Intitulatio rex Francorum
et dux Aquitanorum Ausdruck verlieh, scheiterte: Angeblich wegen
zu naher Verwandtschaft, tatsächlich wegen tiefer Entfremdung der
Eheleute kam es 1152 zur Scheidung, Eleonore führte
ihr Erbe dem zweiten Gemahl, Heinrich II.,
zu.
Im Kerngebiet seiner Monarchie, in der Francia, fand
Ludwig VII. einen 'entourage du roi' vor, der sich in tiefgreifendem
sozialen und funktionalen Wandel befand. Die großen Hofämter
des Feudalaldels wurden zunehmend zu Ehrenämtern, während das
Königtum zur Bewältigung der administrativen Aufgaben in einer
sich verdichtenden Herrschaft auf neue Gruppen kleiner Dienstleute, loyal
ergeben udnndurch Heiratsverbindungen Konsistenz gewinnend, zurückgriff.
Die monarchische Suzeränität fand seit 1145 in der Bezeichnung
aller Vasallen ohne Ansehen ihres Ranges in der Lehnshierarchie als barones
Ausdruck,
und die Konsolidierung erwies sich im Wiederauftreten großer Versammlungen
von Prälaten und Baronen (1146 Vezelay, 1147 Etampes, 1155 Soissons,
1173 Paris, 1179 Reims), wo unter Ludwigs VII.
Vorsitz
Grundzüge der Politik beraten wurden. Ihre Bewährung bestand
die kapetingische Verwaltung während
Ludwigs
Kreuzzug
1147/49, als Abt Suger von St-Denis mit Erzbischof Samson von Reims und
Seneschall
Rudolf von Vermandois die
Regentschaft führte. Die Lösung administrativer Handlungen von
der konkreten Person des Königs beförderte eine transpersonale
Institutionalisierung von Herrschaft.
Offenbar aus eigenem Antrieb, vielleicht durch ein persönliches
Bekehrungserlebnis befördert, hatte sich Ludwig
VII. 1145 zum Kreuzzug entschlossen. Nach Verhandlungen mit
der Kurie, beeinflußt von der Kreuzzugspredigt Bernhards von Clairvaux,
nahm Ludwig VII.
1146
in Vezelay das Kreuz und zog 1147 mit einem französischen Heer nach
Konstantinopel. Der weitere Vormarsch führte in die katastrophale
Niederlage bei Laodikeia Anfang 1148; zu Schiff nach Antiochia gerettet,
beteiligte sich Ludwig VII. an einem
Feldzug gegen Damaskus und kehrte 1149 nach Frankreich zurück. Das
Bündnis mit dem Papsttum vertiefte sich im Alexandrinischen Schisma
seit 1159. Nach anfänglichem Zögern und nach dem Scheitern einer
Begegnung mit Kaiser FRIEDRICH I. bei
St-Jean-de-Losne (29. August 1162) ergriff Ludwig
VII. die Partei Alexanders III., der 1162-1165 in Frankreich
Zuflucht fand. Der Sieg üer die kaiserlichen Gegenpäpste stärkte
den eigenständigen Rang der westeuropäischen Monarchien und trug
in der Kontinuität fränkisch-französischer Bindungen an
die Nachfolger Petri zur Kennzeichnung des französischen Königs
als rex christianissimus bei.
Im eigenem regnum festigte Ludwig
VII. seinen Einfluß auf den Kronepiskopat. Fernen Bistümern
und Abteien bot der König vielfältigen Rückhalt gegen lokale
Potentaten und baute damit neue Ansatzpunkte in königsfernen Regionen
(Burgund, Languedoc) auf, gekoppelt mit einem neuen Interesse am französischen
Süden im Gefolge der Auseinandersetzungen mit Heinrich
II. von England. Die unangefochtene Stellung im Reich demonstrierte
Ludwig
VII. 1179 auf einem Hoftag in Paris, wo er der Versammlung seinem
1165 geborenen Sohn, Philipp II., als
König präsentierte und nur noch die Akklamation entgegennahm.
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Brandenburg Erich: Tafel 18 Seite 37
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"Die Nachkommen Karls des Großen"
XIII. 263 a. Ludwig VI., König von Frankreich
1137
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1120, + 1189 19. IX.
Gemahlinnen: a) 1137 22. VII. Eleonore, Tochter des Grafrn
Wilhelm VIII. von Poitou (siehe XIII 81)
oIo 1152 18. III.
b) 1154 Constanze, Tochter König Alfons VII. von Kastilien (siehe
XIII 232)
+ 1160 4. X.
c) 1160 13. XI. Alix, Tochter des Grafen Theodbald II. von Champage (siehe
XIII 70)
+ 1206 4. VI.
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Ludwig VII. der Junge wurde
nach dem Tod seines älteren Bruders Philipp
(+ 13.10.1131) bereits am 15. Oktober 1131 in Reims gekrönt
und durch den Papst Innocenz II. geweiht. Unter seiner Regierung trat zunächst
ein Rückschlag ein. Seine Beteiligung am 2. Kreuzzug hatte ähnlich
wie die KONRADS III. ungünstige
innenpolitische Folgen. In seiner Abwesenheit erkämpfte Gottfried
von Anjou sein Recht auf die Normandie gegen Stephan von England; es entstand
jetzt im Westen Frankreichs ein großer Länderblock, der das
Königtum vom Meere abschnitt. Als sich Ludwig nun gar von seiner Gemahlin
Eleonore von Aquitanien trennte, brachte diese den ANJOUS
ihr ganzes weite Teile von Mittel- und S-Frankreich umfassendes Heiratsgut
zu; es entstand jetzt eine paradoxe Situation, die man als "angevinische
Umklammerung" bezeichnet hat. Die Lage wurde noch schwieriger, als
Heinrich Plantagenet 1154 auch noch König von England wurde.
Die Zusammenkunft von Vancouleurs zwischen Ludwig
VII. und Kaiser FRIEDRICH I. (Februar
1171) war das Vorspiel des späteren
staufisch-kapetingischen
Bündnisses.
Ludwig VII. wurde
im Kloster Notre-Dame-de-Barbeau (nahe Fontainebleau) beigesetzt.
Pernoud Regine: Seite 11-29
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"Die Kapetinger" in: Die großen Dynastien
Ludwig VII. (1137-1180)
verdankte die Krone einzig und allein einem Sturz vom Pferd, der seinem
Bruder Philipp das Leben gekostet hatte.
Ludwig
der Jüngere war wie sein Vater in der Abtei Saint-Denis
erzogen worden, und es ist anzunehmen, dass er aus Neigung dort geblieben
wäre, wenn man ihn nicht eines Tages (1131, er war 11 Jahre alt) geholt
hätte, um ihn, wie es der Brauch wollte, zum Mitkönig einzusetzen.
Er kehrte jedoch nach Saint-Denis zurück, um seine Studien zu vollenden,
die ihn zu einem überaus gelehrten König machten. Er hatte mehrere
Brüder; einer von ihnen,
Heinrich,
wurde später Erzbischof von Reims und ein anderer, Philipp,
Dekan von Saint-Martin de Tours. Durch das im Feudalsystem verankerte Erstgeburtsrecht
war der Thronerbe von vornherein durch das Blut bestimmt. Ohne Zweifel
begehrte Ludwigs Bruder Robert,
Graf von Dreux, ebenfalls die Krone; er schmiedete ein Komplott,
das aber von Suger mit großem Geschick aufgedeckt wurde.
Die Mitgift, die Eleonore von
Aquitanien ihrem jungen Gatten - sie waren zusammen kaum mehr
als 30 Jahre alt - in die Ehe einbrachte, stellte den König von Frankreich
in materieller Hinsicht mit einem Schlag auf eine Stufe mit dem reichsten
seiner Vasallen. Was Ludwig VI. im
Laufe seines Lebens erworben hatte, waren nicht mehr als ein paar Morgen
Land in der Grafschaft Corbeil, einige Burgen um Gatinais und Orleanais,
besonders die von Montlhery, von der aus der König lange Zeit
an einem friedlichen Verkehr zwischen Paris und Etampes gehindert worden
war. Und nun kamen die unermeßlich großen Ländereien des
Grafen von Poitiers, Herzog von Aquitanien, hinzu, die sich von der Loire
bis zu den Pyrenäen erstreckten. Das königliche Siegel - es zeigte
den König "als Majestät", auf seinem Throne sitzend, die Krone
auf dem Haupt und das Zepter in der Hand - trug fortan auf der Rückseite
das Bild des Herrschers zu Pferde mit der Inschrift dux Aquitanorum, Herzog
Aquitaniens; und sichtlich stand das Ritterliche dem Königlichen in
nichts nach, wenn man nur nach der Ausdehnung der Ländereien und dem
Ertrag, den sie einbrachten, urteilt.
Die Frau, die nach der Sitte der Zeit "Königin von
Gottes Gnaden" wurde, war eine Persönlichkeit, die ihresgleichen suchte.
Zudem befand sie sich in vollkommenen Einklang mit einer Zeit, in der die
Frau dem Manne höchst anspruchsvoll entgegentrat, in der sie Liebe
und Respekt zugleich von ihm empfing und in der Lyrik und Romanen
wurde sie zur unumschränkten Herrin erhoben. In dem jungen Hausstand
führte die Königin das Regiment. Das war nicht neu; unter Robert
dem Frommen und unter Philipp war
es nicht anders gewesen, und das gilt für die Mehrzahl der großen
Dynastien der Feudalzeit. Ludwig war
in seine Frau unsterblich verliebt. Eleonore
war schön; von einer so außergewöhnlichen Schönheit
ließen sich die Zeitgenossen ohne Ausnahme entwaffnen. War Bertrade
nun
aber die Hauptursache dafür gewesen, dass ihr Gatte in seiner Lethargie
verharrte, so kann man ähnliches von Eleonore
nicht behaupten. Ungestüm und unternehmend im Übermaß,
stürzte sie ihren Gatten in unentwirrbare Konflikte. Sie entzweite
ihn nacheinander mit seiner Mutter, mit seinem ergebenen Ratgeber Suger
und selbst mit dem Papst, indem sie sich über die Freiheit der Wahlen
innerhalb der Kirche hinwegsetzte und das Bistum Bourges einem Kandidaten
ihrer Wahl übertrag. Sie zwang Ludwig,
gegen die Einwohner von Poitiers mit Härte vorzugehen (Poitiers, die
Stadt ihrer Pairs, ihre eigene Hauptstadt!), weil sie eine Kommune gründen,
sich also durch Eid von jeglicher Autorität eines Lehnsherrn befreien
wollten. Weiter veranlaßte Eleonore ihren
Gatten zu einem recht unvernünftigen Feldzug gegen die Grafschaft
Toulouse, die Wilhelm IX. einst abgetreten hatte und die sie wieder unter
ihre direkte Herrschaft zu bringen suchte. Aber dies alles war noch belanglos,
verglichen mit den Streitigkeiten, die sie mit dem Haus CHAMPAGNE vom Zaune
brach, einem bis dahin treuen Verbündeten der KAPETINGER.
Und wozu dies alles? Um die Verheiratung ihrer jüngeren Schwester
Petronelle zu fördern, die ein Auge auf einen Vertrauten des Hofes
geworfen hatte, welcher mit der Schwester des Grafen von Champagne verheiratet
war und sich auf Petronelles Betreiben hin scheiden ließ. Es kam
zu einem Feldzug auf das Gebiet der Champagne, in dessen Verlauf die Truppen
eine Kirche in Brand steckten, in welche sich die Bevölkerung geflüchtet
hatte. Dies geschah in Vitry, das seitdem Vitry-le-Brule genannt wird (frz.
bruler = verbrennen). Dieses schreckliche Ereignis übte indessen auf
Ludwig
eine
heilsame Wirkung. Er besann sich und rief Suger zurück. Aus dem Heiligen
Land gelangten schlechte Nachrichten nach Frankreich; man erfuhr, dass
die Grafschaft Edessa, vor einem halben Jahrhundert unter größten
Schwierigkeiten zurückerobert, erneut in die Hände der Sarazenen
gefallen war. Da beschloß das Königspaar zu einem Kreuzzug aufzubrechen.
Zum erstenmal geschah es, dass ein König und eine
Königin von Frankreich sich gemeinsam ins Heilige Land aufmachten.
Eleonore
traf ihre Vorbereitungen mit der gleichen fieberhaften Betriebsamkeit,
mit der sie alle Unternehmungen, die sie begeisterten, anpackte. So fand
sich, als der königliche Geleitzug sich am 12. Mai 1147 in Bewegung
setzte - sowohl der König als auch die Königin hatten in Saint-Denis
Pilgergewänder angelegt -, in seinen Reihen eine stattliche
Zahl von Herren aus Aquitanien, der Gascogne, aus Poitiers und dem Limousin.
Es waren viele Vasallen, die Wert darauf legten, ihre Fürstin zu begleiten.
Ihre Anwesenheit jedoch sollte dem Unternehmen nicht
von Nutzen sein. Bei der Durchquerung Anatoliens beschwor ihre Zügellosigkeit
eine Katastrophe herauf. Die Vorhut, die sie unter Führung Geoffroys
von Rancon gebildet hatten, hatte sich leichtfertig vom Rest der Expedition
getrennt. Das Gros der Armee, mit Gepäck und Wagen belastet, wurde
buchstäblich in Stücke gerissen und verdankte seine Rettung einzig
und allein dem raschen Eingreifen des Königs, der das Kommando über
die Nachhut übernommen hatte. Um die Angriffe der Türken zurückzuschlagen,
vollbrachte er wahre Wunder an Tapferkeit. Fast wäre der Kreuzzug
hier zu Ende gewesen, in diesen "abscheulichen Bergen", die in der Geschichte
des Oströmischen Reiches eine so bedeutende Rolle gespielt hatten.
Aber damit nicht genug. Nach 10 Monaten erreichte die
Armee, teils zu Lande, teils zu Wasser, Antiochien; dort sah Eleonore
ihren Onkel Raimund von Poitiers wieder. Dieser, beträchtlich jünger
als ihr Vater, war ein Spielgefährte ihrer Kindheit gewesen. Nach
einer Reihe phantastischer Abenteuer war er Fürst von Antiochien geworden.
(Er war als Kaufmann verkleidet ins Heilige Land gekommen, um seine Identität
vor den Türken geheimzuhalten und vor der Witwe des Fürsten Alix,
deren Tochter, die Erbin des Fürstentums, er ohne Schwierigkeit zur
Frau erhielt.) Dem einmütigen Urteil der Zeitgenossen zufolge war
er ein glänzender Ritter, "größer, wohlgestaltet und schöner
als irgendeiner seiner Zeitgenossen". Bestand zwischen ihm und seiner Nichte
eine Zuneigung, die über die Grenzen des Erlaubten hinausgingen? Der
König schöpfte jedenfalls Verdacht und verließ Antiochien
nach 10 Tagen wieder, wobei er Königin Eleonore
gewaltsam mit sich nahm.
Als die beiden Gatten nach Frankreich zurückkehrten
- der Papst persönlich hatte unterwegs ihre Versöhnung herbeigeführt
-, hatte sich eine tiefe Kluft zwischen ihnen aufgetan. Der Abt Suger bemühte
sich um die Aufrechterhaltung ihres guten Einvernehmens, doch währte
dieses nur bis zum Tode des energischen und klugen kleinen Mannes, den
ein ungewöhnliches Schicksal von der Leibeigenschaft zur Verwaltung
eines Königreichs in Abwesenheit des Königs geführt hatte.
Ein nach Beaugency einberufenes Konzil beschloß am 21. Mai 1152 die
Annullierung der 15 Jahre zuvor geschlossenen Verbindung. Eleonore
übernahm wieder, wie damals üblich, ihre persönlichen Besitzungen
und kehrte nach Poitiers zurück. Noch nicht zwei Monate später
erreichte den französischen Hof die Schreckensbotschaft, dass sie
sich wieder verheiratet habe und zwar mit Heinrich
Plantagenet, Graf von Anjou und Herzog
der Normandie. Die Geschichte Eleonores
war fortan nicht mehr Teil der KAPETINGER,
es sei denn indirekt durch Bündnisse und mehr noch durch den großen
Einfluß, den sie auf ihren neuen Gatten ausübte.
Dieser Einfluß verstärkte sich besonders,
nachdem er 1154 König von England geworden war. 15 Jahre hindurch
war ihr Stern im Steigen. Die vereinten Domänen Heinrichs
und
Eleonores
erstreckten
sich von den Britischen Inseln bis zu den Pyrenäen und umfaßten
den gesamten Westen des französischen Reiches.
Ludwig
VII. war nach wie vor oberster Lehnsherr Heinrichs
in der Normandie, in Anjou, der Bretagne und den angrenzenden Gebieten
und Eleonores
in Aquitanien, also im
Westen Frankreich jenseits der Loire bis zu den Pyrenäen. Natürlich
versäumte er keine Gelegenheit, dies kundzutun, manchmal auch mit
Erfolg, so als er seinem Vasallen, dem Grafen von Toulouse, 1159 zu Hilfe
eilte. Eleonore
nämlich hatte
ihre alten Ansprüche auf die Grafschaft Toulouse nicht aus den Augen
verloren. Sie hatte bei Heinrich, wie einst bei Ludwig,
einen Feldzug durchgesetzt, den er erst beendete, als er erfuhr, dass Ludwig
sich in der Hauptstadt des Languedoc aufhielt; widerwillig gab er sein
Vorhaben auf und zog sich zurück, weil er nicht wagte, den Lehnseid
zu brechen. Doch sein Reichtum, seine Lebensführung seine Eroberungen,
alles im Königreich der PLANTAGENET stellte
die rivalisierende Dynastie in den Schatten, auch was die fünf Söhne
anbelangte, die Eleonore ihrem Gatten
schenkte. Mit Ludwig hatte sie nur
zwei Töchter, die naturgemäß nicht in der Lage waren, das
Schwert zu führen.
Ludwig seinerseits
hatte Konstanze, die Tochter des Königs
von Kastilien, geheiratet; aus dieser Ehe gingen zwei Töchter hervor,
Margarete
und Adelheid. Nach dem Tod seiner zweiten
Frau heiratete er Adele von Champagne
und verstärkte so seine Verbindungen mit dem einzigen Herrscherhaus,
das in der Lage war, es mit dem Haus ANJOU,
wenn auch nur aus der Ferne aufzunehmen. Er komplizierte damit die Arbeit
der Genealogen um einiges, denn seine älteste Tochter heiratete Adelas
Bruder
Heinrich und seine Tochter Alix
deren
Bruder Thibaut von Blois; er war somit der Schwager seiner Schwiegersöhne.
Wie dem auch sei - wesentlich für ihn war, dass
Adele
ihm
endlich im August 1165 den langersehnten Erben schenkte,
Philipp,
dem ein zeitgenössischer Chronist den Beinamen August gab.
Es begann nun eine große, langanhaltende Schachpartie
zwischen dem König von Frankreich und dem König von England,
der für nahezu die Hälfte des Reichs sein Vasall war. Es kann
kein Zweifel daran bestehen, dass Heinrichs
und Eleonores Ehrgeiz darauf abzielte,
die französische Krone auf dem Haupt ihres ältesten Sohnes,
Heinrichs des Jüngeren, zu sehen. Ihr Kanzler Thomas Becket,
ein überaus geschätzter Ratgeber PLANTAGENTS,
war selbst nach Frankreich gesandt worden, um das kleine Mädchen abzuholen,
auf dessen Schultern diese Hoffnungen ruhten: Margarete,
eine Tochter Ludwigs VII. und Konstanzes
von Kastilien, wurde mit Heinrich dem
Jüngeren verlobt, als sie erst wenige Monate und ihr künftiger
Gatte gerade drei Jahre alt war. Auf der Grundlage dieser Verbindung kam
es zu einer Einigung, und fortan herrschte wieder Frieden zwischen dem
König von Frankreich und seinem allzu mächtigen Vasallen. Die
Geburt eines männlichen Erben machte alle Hoffnungen, die Eleonore
und ihr Gatte in ihren Sohn gesetzt hatten, zunichte, und seltsamerweise
schien ihr Stern von dieser Stunde an zu sinken.
PLANTAGENET, geblendet von seinen Erfolgen, entwickelte sich
zum Despoten, betrog seine Gattin, ließ Thomas Becket, den er selbst
zum Bischof von Canterbury gemacht hatte, ermorden und ließ sich
mehr und mehr von rücksichtsloser Machtgier treiben, so dass seine
Söhne, zahlreiche Vasallen und Eleonore selbst
sich gegen ihn stellten. Angesichts solcher Maßlosigkeit gewann das
Bild des KAPETINGERS, bescheiden, zurückhaltend,
immer darauf bedacht, einem jeden Gerechtigkeit widerfahren zu lassen,
in einem Maße an Gewicht, dass Eleonore
sich eines Tages wieder ihrem ersten Gatten zuwandte. Sie versuchte, als
Mann verkleidet, das Gebiet des französischen Königs zu erreichen,
wurde aber von PLANTAGENTS Leuten gestellt
und gefangengenommen. Ihr Gatte hatte nichts Eiligeres zu tun, als sie
möglichst weit vom französischen Reich zu entfernen. In Frankreich
ging unterdessen die begonnene Schachpartie mit einer Reihe von Vormärschen
und Rückzügen weiter, ohne dass einer der beiden Gegner den anderen
schachmatt zu setzten vermochte.
Eine Philosophie voll Heiterkeit spricht aus den Worten,
die Ludwig VII. im Vertrauen an einen
Vertreter des englischen Königs, den Archidiakon von Oxford, Gautier
Map, richtete: "Verschieden ist der Reichtum der Könige: der des Königs
von Indien sind Elefanten; der Kaiser von Byzanz und der König von
Sizilien rühmen sich ihres Goldes und ihrer Seidenstoffe, doch haben
sie keine Männer, die in der Lage sind, mehr zu vollbringen, als nur
zu reden: sie sind unfähig, Kriege zu führen. Der römische
Kaiser, den man den Deutschen nennt, hat Männer, die sich auf das
Kriegshandwerk verstehen, und Schlachtrosse, aber kein Gold, keine Seide
und auch sonst keine Reichtümer... Dein Herr, der König von England,
besitzt alles: die Männer, die Pferde, das Gold und die Seide, die
Edelsteine, die Tiere, alles. Wir hier in Frankreich, wir haben nichts
- es sei denn das Brot, den Wein und die Fröhlichkeit."
Es waren in der Tat zwei verschiedene Auffassungen der
Macht, ja des Lebens, die sich in den beiden Königen oder besser den
beiden Dynastien gegenüberstanden. Während Ludwig
nur darauf bedacht war, sich mit seinen unmittelbaren Vasallen, Champagne-Blois,
zu umgeben, verheiratete Heinrich und
Eleonore
ihre Tochter Mathilde mit dem Herzog
von Sachsen, eine weitere Tochter, Johanna,
mit dem König von Sizilien und eine dritte, die den Namen ihrer Mutter
Eleonore
trug, mit dem König von Kastilien - in jeder Himmelsrichtung ein neuer
Sproß dieses fruchtbaren Stammes. Der KAPETINGER
dagegen verlor, auch wenn es ihn ins Heilige Land zog, niemals sein eigenes
Land aus dem Auge, das Land, in dem er "Brot, Wein und Frohsinn" zu finden
wußte.
In der gotischen Baukunst gibt es ein Element unter vielen
anderen, das den Archäologen zur Datierung dient: die Kreuzblume.
Von der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts an ist sie häufig im Winkel
von Kapitellen zu finden, und später als Verzierung von Wimpergen,
Portalen, Türmchen usw. Sie gleicht zunächst einer einfachen
Knospe, im 13. Jahrhundert nimmt sie, gleichsam einer biologischen Entwicklung
folgend, die Gestalt immer feineren Blattwerks an, aus dem Blüten
hervorsprießen, bis sie sich schließlich im 16. Jahrhundert
und später zu dem für den Flamboyant-Stil charakteristischen
feinziselierten Blättern wandelt.
Dieses architektonische Detail symbolisiert treffend
die Entwicklung der Dynastie der KAPETINGER selbst.
Zwischen der Regierung Ludwigs VII. und
der jenes Königs, der noch zu seinen Lebzeiten Ludwig
der Heilige genannt wurde, verging ein Jahrhundert, in
dessen Verlauf die Knospe sich entfaltet und Blätter und Blüten
hervorbrachte. Die Lilie stand in voller Blüte.
Ludwig VII. starb
am 18. September 1180, nicht ganz ein Jahr, nachdem er am 1. November
1179 seinen Erben Philipp zum Mitkönig
eingesetzt hatte.
Verwandtschaft mit Eleonore
Robert II. der Fromme König von Frankreich
20.7.972-20.7.1031
---------------------------------------------------
Robert
I. Herzog von Burgund
Heinrich I. König von Frankreich
1011-21.3.1076
1008-4.8.1060
--
--
Hildegard von Burgund
Philipp I. König von Frankreich
1049- nach 1104
1053-30.7.1108
oo 3. Wilhelm VIII. Herzog von Aquitanien
1024/25-25.9.1086
--
--
Wilhelm IX. Herzog von Aquitanien
Ludwig VI. der Dicke König von Frankreich
22.10.1071-10.2.1126
1081-1.8.1137
--
--
Wilhelm X. Herzog von Aquitanien
Ludwig VII. König von Frankreich
1099-9.4.1137
1120-18.9.1190
--
Eleonore von Aquitanien
1122-1.4.1204
--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
22.7.1137
1. oo Eleonore von Aquitanien, Tochter des Herzogs
Wilhelm X.
- 21.3.1152 1122-31.3.1204
1154
2. oo Konstanze von Kastilien, Tochter des Königs
Alfons VII.
um 1140-4.10.1160
13.11.1160
3. oo Adele (Alix) von Blois, Tochter des Grafen
Theobald IV.
um 1145-4.6.1206
Kinder:
1. Ehe
Marie
1145-11.3.1198
oo Heinrich I. Graf von Blois-Champagne
um 1126-17.3.1181
Alix
1150- nach 1195
um 1164
oo Theobald V. Graf von Blois-Chartres
- 1191
2. Ehe
Marguerite
1158- 1197 (vor 10.9.)
bei Akkon
21.8.1172
1. oo Heinrich der Jüngere König von
England
28.2.1155-11.6.1183
1186
2. oo 3. Bela III. König von Ungarn
um 1148-23.4.1196
Adelheid
um 1159- jung
3. Ehe
Agnes
1171- um 1240
2.3.1180
1. oo Alexios II. Kaiser von Byzanz
10.9.1169-24.9.1183
1183
2. oo Andronikos I. Kaiser von Byzanz
um 1122-12.9.1185
3. oo Theodor Branas
-
Philipp II. August König von Frankreich
21.8.1165-14.7.1223
Alix Gräfin von Vexin
um 1170- nach 1200
20.8.1195
oo Wilhelm II. Graf von Montreuil
-4.10.1221
Illegitim
Philipp Dechant in Tours
- 1161
Literatur:
-----------
Appleby John T.: Heinrich II. König von England.
Die Zeit des Thomas Becket. Dr. Riederer-Verlag Stutggart 1962 - Brandenburg
Erich: Die Nachkommen Karls des Großen Verlag Degener & Co Neustadt
an der Aisch 1998 Tfel 18 Seite 37 - Cardini, Franco: Friedrich
I. Barbarossa. Kaiser des Abendlandes, Verlag Styria Graz 1990, Seite 44,50,56,59,61,63-66,120,154,158,162,167,185,187,206,224,243
- Csendes, Peter: Heinrich VI., Wissenschaftliche Buchgemeinschaft
Wiesbaden 1993, Seite 11,12,13,203 - Die Staufer im Süden.
Sizilien und das Reich, hg. von Theo Kölzer, Jan Thorbecke Verlag
Sigmaringen 1996, Seite 45-81 - Ehlers Joachim: Die Kapetinger.
W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Berlin Köln 2000 Seite 61,85,100,103,107,111,114,117-131,133,136,220
- Ehlers Joachim: Geschichte Frankreichs im Mittelalter. W. Kohlhammer
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- Ehlers Joachim/Müller Heribert/Schneidmüller
Bernd: Die französischen Könige des Mittelalters. Von Odo bis
Karl VIII. 888-1498. Verlag C. H. Beck München 1996 Seite 127,133,139-154,155
- Engels, Odilo: Die Staufer. Verlag W. Kohlhammer Stuttgart Berlin
Köln 1972, Seite 37,73-75,78 - Engels, Odilo: Stauferstudien.
Beiträge zur Geschichte der Staufer im 12. Jahrhundert, Jan Thorbecke
Verlag Sigmaringen 1996, Seite 26,110,213,242,304,306 A - Favier,
Jean: Frankreich im Zeitalter der Landesherrschaft 1000-1515. Deutsche
Verlagsanstalt Stuttgart 1989 Seite 94,103,113,116-120,127,133,137,141,150,153,171,204,218,241,270
- Houben, Hubert: Roger II. von Sizilien. Herrscher zwischen Orient
und Okzident, Primus Verlag Darmstadt 1997, Seite 91,93,94,98,100 -
Jordan, Karl: Heinrich der Löwe, Deutscher Taschenbuch Verlag
München, Seite 10,35,42,73,120,165,172 - Jurewitz-Freischmidt
Sylvia: Die Herrinnen der Loire-Schlösser. Königinnen und Mätressen
um den Lilienthron. Casimir Katz Verlag, Gernsbach 1996 Seite 433 - Mayer,
Hans Eberhard: Geschichte der Kreuzzüge, Verlag W. Kohlhammer GmbH
1995 Seite 87,88,92,94-97,261 - Le Goff Jacques: Ludwig der Heilige,
Klett-Cotta Stuttgart 2000 Seite 20-21,54,57-58,66,82,102,140,146,156,225,246,248,281,304,306,324,413-414,422,472,503,
509,512,628,734,800 -
Mexandeau Louis: Die Kapetinger. Editions
Rencontre Lausanne 1969 Seite 259-282
-
Norwich John Julius:
Byzanz. Der Aufstieg des oströmischen Reiches. Econ Verlag GmbH, Düsseldorf
und München 1993 Band III, Seite 112,116,119,125, 157,161,197 - Pernoud
Regine: Die Kapetinger. in: Die großen Dynastien. Karl Müller
Verlag1996 Seite 11-29 - Pernoud Regine: Herrscherin in bewegter
Zeit. Blanca von Kastilien, Königin von Frakreich. Diederichs Verlag
München 1991 Seite 14,140,249 - Pernoud Regine: Der Abenteurer
auf dem Thron. Richard Löwenherz König von England. Diedrichs
Verlag München 1994 - Pernoud Regine: Königin der Troubadoure.
Eleonore von Aquitanien. Diederichs Verlag München 1991 - Pohl
Walter: Die Welt der Babenberger. Schleier, Kreuz und Schwert, hg. von
Brigitta Vacha, Verlag Styria, Seite 147,154,194 - Runciman, Steven:
Geschichte der Kreuzzüge, Sonderausgabe in 1 Band Verlag H.C. Beck
München 1978, Seite 552,556-557,561,562-563,565-567,572-578,580,582-590,650,669,
687,712,716,743,1143,1256 - Schnith Karl: Frauen des Mittelalters
in Lebensbildern. Verlag Styria Graz Wien Köln 1997 Seite 200,215,
217-222,224,226,234 - Schnith Karl Rudolf: Mittelalterliche Herrscher
in Lebensbildern. Von den Karolingern zu den Staufern. Verlag Styria Graz
Wien Köln 1990 Seite 268,271,287,290,296,297 - Tamussino Ursula:
Maria von Ungarn. Ein Leben im Dienst der Casa de Austria. Verlag Styria
Graz Wien Köln 1998 Seite 62 - Treffer Gerd: Die französischen
Königinnen. Von Bertrada bis Marie Antoinette (8.-18. Jahrhundert)
Verlag Friedrich Pustet Regensburg 1996 Seite 16,66,92,95,105,110,118,121,146
- Vones Ludwig: Geschichte der Iberischen Halbinsel im Mittelalter
711-1480. Reiche - Kronen - Regionen. Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen
1993 Seite 112 -
Vones-Liebenstein Ursula: Eleonore von Aquitanien
Herrscherin zwischen zwei Reichen. Muster-Schmidt Verlag Göttingen
2000 - Werner, Karl Friedrich: Königtum und Fürstentum
im französischen 12. Jahrhundert, in Probleme des 12. Jahrhunderts
Reichenau-Vorträge Band XII, Jan Thorbecke Verlag Konstanz-Stuttgart,
Seite 177-227 - Wies, Ernst W.: Kaiser Friedrich Barbarossa. Mythos
und Wirklichkeit, Bechtle Esslingen 1999, Seite 37,98,178,182,196,234,257
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Ehlers Joachim/Müller Heribert/Schneidmüller
Bernd: Seite 139-154
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"Die französischen Könige des Mittelalters"
Joachim Ehlers
LUDWIG VII., König von Frankreich 1137-1180
-------------------
* 1120, + 18.9.1180
Paris
Begraben: Kloster Notre-Dame-de-Barbeau (nahe Fontainebleau)
Vater:
--------
König Ludwig VI., König von Franreich
Mutter:
---------
Adelaide von Maurinne (+ 18.11.1154)
Brüder:
----------
Philipp (* 29.8.1116, + 13.10.1131)
Heinrich Erzbischof von Reims (* um 1121, + 13.11.1175)
Robert, Graf von Dreux (* um 1123, + 11.10.1188)
Peter, Graf von Courtenay (* um 1126, + 1179/83)
Philipp, Erzbischof von Paris (* um 1125-4.9.1161)
Schwester:
--------------
Konstanze (* um 1124, + um 1180), verheiratet mit
1) Eustachius, Graf von Blois
2) Raimund V. Graf von Toulouse
15.10.1131 Königsweihe durch Papst Innozenz II. in
Reims
1146 Gottfried von Anjou als Herzog der Normandie anerkannt
1147 Aufbruch zum 2. Kreuzzug, 4.10. Ludwig in Konstantinopel
1149 Rückehr nach Frankreich
13.1.1151 Tod Sugers von St-Denis, Heinrich "Plantagenet"
als Nachfolger seines Vaters Gottfried von Anjou Herzog der Normandie
21.3.1152 Auflösung der Ehe mit Eleonore von Aquitanien,
die Heinrich von Anjou heiratet
19.12.1154 Heinrich von Anjou als Heinrich II. König
von England
1156 Heinrich II. huldigt Ludwig VII. für die Normandie
3.8.1158 Abkommen von Gisors mit Heinrich II.
September 1159 Beginn des Alexandrinischen Schismas
April 1162 Flucht Papst Alexanders III. nach Frankreich
29.8. Gescheitertes Königstreffen bei St-Jean-de-Losne
ab 1164 französisches Exil des Erzbischofs Thomas
Becket von Canterbury
1165 Bestätigung der Charta caritatis der Zisterzienser
durch Papst Alexander III.
29.12.1170 Erzbischof Thomas Becket in Canterbury ermordet
1179 Schlaganfall Ludwigs VII.
1. November Königsweihe Philipps II. in Reims
1. oo 1137
ELEONORE VON AQUITANIEN
* 1122, + 31.3.1204
Tochter Herzog Wilhelms X. von Aquitanien
2. oo 1153
CONSTANZE VON KASTILIEN
* um 1140, + 4.10.1160
Tochter König Alfons VII. von Kastilien
3. oo 13.11.1160
ADELA VON CHAMPAGNE
* um 1145, + 4.6.1206
Tochter des Grafen Tedbald IV. von Blois-Champagen
Kinder:
---------
1. Ehe
Marie (* 1145, + 11.3.1198 ), Gemahlin Heinrichs I., Graf
von Blois-Champagne
Alix (* 1150, + nach 1195), Gemahlin Tedbalds V., Graf
von Blois-Chartres
2. Ehe
Margarethe (* 1158, + vor 10.9.1197), Gemahlin Heinrichs des Jüngeren von England
3. Ehe
Philipp II., König von Frankreich (* 21.8.1165, +
14.7.1223 )
Agnes (* 1171, + um 1240), verheiratet mit
1) Alexios II. Komnenos, Kaiser von Byzanz
2) Andronikos I. Komnenos, Kaiser von Byzanz
Am 1. August 1137 trat Ludwig
VII. im Alter von 16 Jahren die Nachfolge seines Vaters an.
Als zweiter Sohn Ludwigs VI. hatte
er ursprünglich nicht an die Regierung denken dürfen, für
die vielmehr sein älterer, 1116 geborener Bruder Philipp
vorgesehen
war. Ihn, der im April 1129 in Reims zum Mit-König gekrönt
wurde, nennen die Diplome Ludwigs VI. schon
seit 1121 rex designatus, aber am 13. Oktober 1131 verunglückte er
tödlich bei einem Sturz vom Pferd in den Straßen von Paris.
Um keine Unsicherheit bei der Königsfolge aufkommen zu lassen, nutzte
der Hof auf Rat des Abtes Suger das eben in Reims unter Leitung des Papstes
tagende Konzil und ließ Ludwig durch
Innozenz II. weihen. Obwohl der französische Klerus das Königtum
nicht als Erbe, sondern als Amt begriff und in der Kirche gerade zu dieser
Zeit das Wahlprinzip für die Ämtervergabe immer systematischer
begründet und geregelt wurde, förderten die Bischöfe in
diesem Falle den Erbgedanken, denn sie wollten die Monarchie gegen das
Fürstentum stärken, von dem die Freiheit der Kirche stärker
bedroht war als von den Königen. Dem Hochadel wiederum fehlten wirksame
Argumente gegen das Erbrecht, weil er es durchweg zum Ausbau einer eigenen
Stellung nutzte und Erbfolge auch beim Übergang der honores, der vom
König zu vergebenden Ämter und Rechtstitel, innerhalb der Familien
in Anspruch nahm. Ludwig war damals 10 Jahre alt und Schüler der Kathedralschule
von Notre-Dame in Paris; seine Mitschüler kamen als Gäste zum
Reimser Weiheakt. In einer Urkunde für das Pariser Domkapitel gedachte
der König noch im Jahre 1157 seiner dort verbrachten Kinderjahre.
Nach wie vor war das kapetingische
Königtum
theoretisch im gesamten Raum des ehemaligen westfränkischen Reiches
anerkannt, so dass sich der Legitimationsbereich des Königs von Frankreich
zwischen der flandrischen Nordseeküste und den Pyrenäen, vom
Atlantik bis in die Flußgebiete von Schelde, Maas, Saone und Rhone
erstreckte. Der Sanktionsbereich, das heißt das Gebiet, in dem der
König faktische Regierungsgewalt ausüben konnte, war dagegen
wesentlich kleiner und beschränkte sich auf jene Summe von Besitz,
Gütern und Rechten, die als Krondomäne bezeichnet wird. Dieser
hergebrachte Ausdruck darf nicht zu der Annahme verführen, dass es
sich dabei um ein geschlossenes Territorium gehandelt habe: Zwar lag der
Schwerpunkt in der Francia, also zwischen Oise. Maas und Loire, aber in
die vom König unmittelbar verwalteten Gebiete waren fremde Herrschaftsbezirke
eingelagert. Ludwig VI. hatte indessen
schon energisch auf Abrundung, strukturelle Festigung und Konsolidierung
der Krondomäne hingearbeitet, so dass der Sohn eine bessere Ausgangsbasis
hatte als sein Vater. Besonders hoffnungsvoll war eine Aussicht, die dem
Thronfolger durch Verfügung Wilhelms X. von Aquitanien eröffnet
wurde. Der Herzog war 1137 zu einer Wallfahrt nach Santiago de Compostela
in den äußeren Nordwestzen der Iberischen Halbinsel aufgebrochen
und hatte vor Antritt dieser anstrengenden Reise sein Land und seine 15-jährige
Erb-Tochter Eleonore unter den Schutz
seines Lehnsherrn, des Königs von Frankreich gestellt. Ludwig
VI. gab Eleonore sogleich
dem Thronfolger zur Frau, und als sowohl der Herzog als auch der König
1137 starben, wurde Ludwig VII. in
Personalunion König von Frankreich und Herzog von Aquitanien. Neben
der Francia beherrschte er den Raum zwischen Creuse und Adour, obere Loire
und Atlantikküste.
Damit bot sich endlich eine Möglichkeit, die anglonormannische
Position in Frankreich zu neutralisieren und so einer schweren Bedrohung
des Königreichs entgegenzutreten. Die Gefahr hatte sich 1066 ergeben,
als Herzog Wilhelm von der Normandie
England eroberte und sich dort zum König krönen ließ; sie
war 1127 noch größer geworden, denn damals heiratete Graf Gottfried
von Anjou Mathilde, die Erb-Tochter
König
Heinrichs I. von England: Das englische Königtum drohte
außer mit dem Herzogtum noch mit dem Block der mächtigen Loire-Grafschaften
verbunden zu werden und in der französischen Monarchie jede Entwicklungschance
zu rauben. Zwar wurde Mathilde nach dem Tod ihres Vaters (1135) von dessen
Neffen Stephan von Blois usurpatorisch verdrängt, aber Stephan war
der jüngere Bruder Graf Tedbalds II. von der Champagne, eines Gegners
der KAPETINGER.
Die Konstellation, der sich Ludwig
VII. in seinen Anfängen gegenübersah, war demnach
ambivalent, und mit großer Dynamik versuchte der junge König,
das Beste aus ihr zu machen. Zeitgenossen haben uns kein deutliches Bild
der Persönlichkeit überliefert, sondern lassen nur den allgemeinen
Eindruck eines gebildeten und wegen seiner einfachen Lebensweise verhältnismäßig
populären Herrschers erkennen. Bekannt ist seine Äußerung
gegenüber Walter Map, dem walisischen Hofkleriker Heinrichs
II.: "Deinem Herrn, dem englischen König, fehlt nichts:
Männer, Pferde, Gold, Seide, Edelsteine, Wild, Früchte - all
das hat er im Überfluß. Wir in Frankreich haben nur Brot, Wein
und die Heiterkeit." Sein Gerechtigkeitssinn ist immer wieder von unberechenbar-spontanen
Reaktionen getrübt worden, mit denen ein Hang zu verantwortungsscheuer
Entscheidungsschwäche deutlich kontrastierte.
Gleich nach dem Regierungsantritt befreite sich Ludwig
VII. vom Einfluß seiner Mutter, Adelaide
von Maurienne, die den Hof verlassen mußte; an ihre Stelle
trat für kurze Zeit Suger von St-Denis, der schon seinem Vater große
Dienste geleistet hatte. Wenn dennoch eine den kirchlichen Freiheiten weniger
gewogene Haltung des Sohnes beobachtet wird, dann mag das auf seine Gemahlin
zurückzuführen sein, denn Eleonore
hatte vom aquitanischen Hof eine dem Klerus gegenüber deutlich kritische
Position mitgebracht. 1138 verweigerte der König einem Kandidaten
des mächtigen Zisterzienserabts Bernhard von Clairvaux die Zustimmung
für das Bischofsamt in Laon, 1139 förderte er eine gegen den
Erzbischof gerichtete kommunale Bewegung in Reims, 1146 handelte er in
Sens ebenso. Weil der Erzbischof von Bordeaux im Jahre 1141 einen Bischof
von Pitiers weihte, ohne Ludwig konsultiert
zu haben, ließ dieser die Stadt absperren, und er scheute auch schwere
Konflikte mit der kirchlichen Reformpartei nicht, wenn andere Loyalitäten
ihm zweckmäßiger waren. Als der königliche Seneschall Rudolf
von Vermadois seine Gemahlin, die Nichte Tedbalds II. von der
Champagne, verstieß und statt ihrer die Schwester der Königin
heiratete, leitete ein päpstlicher Legat die in Lagny (also in der
Grafschaft Champagne!) tagende Kirchenversammlung, auf der die erste Ehe
des Seneschalls für gültig erklärt und das Vermadois mit
dem Interdikt belegt wurde. Während des darauf folgenden Feldzugs
Ludwigs
VII. gegen den Grafen, den großen Förderer Bernhards
von Clairvaux und der Zisterzienser, verbrannten bei der Eroberung von
Vitry durch königliche Truppen mehr als 1.000 Menschen in der Kirche,
die sie zu ihrem Schutz aufgesucht hatten. Eine Intervention Bernhards
von Clairvaux bei Papst Innozenz II. zugunsten Teobalds erzwang im Jahre
1143 den Frieden von Vitry, aber Tedbald suchte nun ein dauerhaftes Bündnis
mit dem Grafen von Flandern gegen Ludwig
einzugehen,
dem nun auch die Reformer feindlich gesonnen waren.
Diese in gewisser Weise unhaltbare Situation mag den
König schließlich veranlaßt haben, auf einem Hoftag zu
Weihnachten 1145 in Bourges seinen Entschluß bekanntzugeben, eine
bewaffnete Wallfahrt zur Unterstützung der Christen im Heiligen Land
anzutreten. Offensichtlich war das Unternehmen nicht im Sinne des Kreuzzuges
von 1095 konzipiert, denn nicht der Papst oder ein päpstlicher Legat,
sondern Bischof Gottfried von Langres rief zum Kampf für die Ziele
des Königs auf, weshalb Abt Suger grundsätzliche Bedenken hatte.
In der Tat bestand die in Bourges heraufbeschworene Problematik darin,
dass ein König auf dem besten Wege war, unabhängig vom Papst,
der sich gerade diesen Führungsanspruch vorbehalten hatte, einen Kreuzzug
auszuschreiben. Man verschob deshalb die Entscheidung auf Ostern des folgenden
Jahres und übertrug sie Bernhard von Clairvaux, der allerdings jeden
Autoritätsverlust des Papstes vermeiden wollte und sich weigerte,
ohne dessen Votum ein Urteil abzugeben. Direkte Verhandlungen Ludwigs mit
der päpstlichen Kurie wurden am 1. März 1146 in einer Bulle zusamengefaßt,
in der sich Papst Eugen III. zum Urheber des Projekts erklärte und
die Predigt Bernhard von Clairvaux übertrug. Das Römische Reich
wollte der Papst möglichst nicht beteiligen, weil er KONRAD
III. als Bundesgenossen gegen die römische Kommune unter
Arnold von Brescia und gegen Roger II. von Sizilien
brauchte.
Die erste Predigt Bernhards auf dem Hoftag von Vezelay
in Burgund machte einen fundamentalen Unterschied zum 1. Kreuzzug deutlich,
denn der Aufruf wandte sich nicht an das Volk im allgemeinen, sondern an
die milites, die Elite der adligen und nichtadligen Panzerreiterei, denen
gerade damals jene besonderen ethnisch-spirituellen Qualitäten zugesprochen
wurden, die mit der Kirchenreform eng verbunden waren und das europäische
Rittertum bestimmen sollten. Hatte Ludwig VII.
am 31. März 1146 in Vezeley das Kreuz genommen, so zog die von N-Frankreich
bald auf die Rheinlande ausgedehnte illegale Kreuzzugspredigt des Zisterziensermönchs
Radulf das Reich gegen den Willen des Papstes in die Vorbereitungen hinein.
Weihnachten 1146 schloß sich KONRAD III.
in Speyer dem Kreuzzug an.
Beide Könige wählten den beschwerlichen Landweg
nach Konstantinopel, das die Ankunft der Kreuzfahrer mit gutem Grund mißtrauisch
erwartete. Die westlichen Heere banden in höchst unerwünschter
Weise Kräfte, die dringend zur Abwehr normannischer Angriffe auf Korfu
und auf die byzantinische Seidenindustrie in Theben und Korinth nötig
gewesen wären. Am 4. Oktober 1147 landete Ludwig
VII. vor der Hauptstadt des Oströmischen Reiches an und
war seinerseits zu einer Überienkunft mit
Kaiser Manuel I. Komnenos bereit, doch Bischof Gottfried von
Langres, der eine starke antibyzantinische Fraktion im französischen
Heer mit demagogischem Eifer aufstachelte, betrieb den Angriff auf die
Stadt und ließ sich nur deswegen neutralisieren, weil der Papst eine
Eroberung Konstantinopels nicht vorgesehen hatte. Mit seiner deutlichen
Tendenz zum Mißbrauch des Kreuzzugsgedankens wies der Zwischenfall
auf die 1204 von westlichen Kreuzfahrern tatsächlich herbeigeführte
Katastrophe der oströmischen Hauptstadt voraus.
Nach einer Sicherheitsgarantie Ludwigs
VII. für alle kaiserlichen Städte und auf Grund des
Lehnseides der französischen Herren gegenüber Manuel
I. wiesen byzantinische Führer dem französischen Heer
seinen Weg nach Anatolien, wo man sie auf Überreste des inzwischen
mehrfach von den Seldschuken geschlagenen Heeres
KONRADS III. stieß und gemeinsam weiterzog, über
Smyrny nach Ephesus und von dort nach Laodicaea, einer schweren Niederlage
entgegen. Die Überlebenden erreichten an der Küste einige byzantinische
Schiffe, die den König, den Klerus und das engere Gefolge nach Antiochia
brachten. Dort erwartete Fürst Raimund, der Onkel der Königin
Eleonore, Ludwigs Unterstützung
für einen Zug gegen Aleppo, aber nach dem Verlust seines Heeres war
der französische König größeren militärischen
Aufgaben nicht mehr gewachsen. Gerüchte über eine Liaison Eleonores
mit Raimund von Antiochia trübten die Allianz noch mehr, so dass Ludwig
sich
nach Süden wandte, um die heiligen Stätten zu besuchen und sich
mit KONRAD III. in Akkon zu treffen.
Als die Truppe durch neu eingetroffene provencalische Kreuzfahrer verstärkt
worden waren, beschloß der um Abgeordnete des deutschen und des französischen
Heeres erweiterte Kronrat des Königreichs Jerusalem am 24. Juni 1148
einen Angriff auf Damaskus, der vier Wochen später mit der Belagerung
der Stadt begann. War schon die Bestimmung des Kriegsziels ein schwerer
politischer Mißgriff, weil seit 1139 ein Bündnis des Königreichs
Jerusalem mit dem Atabeg von Damaskus bestand, so mußte die Belagerung
angesichts eines von Aleppo her geführten Entlastungsangriffs schmählich
aufgegeben werden. Ostern 1149 verließ Ludwig
VII.
das Heilige Land und kehrte nach Frankreich zurück,
wo das offenkundige Scheitern des Kreuzzuges scharfe und anhaltende Kritik
hervorrief.
Während Ludwigs
Abwesenheit hatte Abt Suger von St-Denis das Reich regiert und dabei Bedeutendes
geleistet. Wohl 1080/81 in einer Familie kleiner milites nahe der berühmten
Benediktinerabtei geboren, wurde Suger im Alter von 10 Jahren als puer
oblatus dorthin gegeben und erhielt eine gründliche Ausbildung, die
seine hohe Begabung rasch offenbar machte und ihm das Wohlwollen seiner
Oberen sicherte. Im März 1107 war er im Kloster La-Charite-sur-Loire
Zeuge der Verhandlungen, die das historische Treffen Papst Paschalis' II.
mit König Philipp I. und dem Thronfolger
Ludwig in St-Denis vorbereiteten. Dort hatten die Könige
in lehnsrechtlichen Formen dem Papst Rat und Hilfe versprochen und ihm
ihr Reich dargebracht: Das besondere Bündnis der französischen
Monarchie mit dem Papsttum ist damals auf einen ersten Höhepunkt geführt
worden. Als wichtiger Berater Ludwigs VI.
hatte Suger im Jahre 1137 die königliche Gesandtschaft nach Bordeaux
geleitet, die den Thronfolger zur Hochzeit mit Eleonore
von Aquitanien brachte. Sugers führende Stellung am Hof
überdauerte den Tod Ludwigs VI. freilich
nur kurze Zeit, denn bald traten Männer wie der Kanzler Cadurc und
der Seneschall Rudolf von Vermandois
in den Vordergrund. Es dürfte kein Zufall sein, dass die Jahre zwischen
1140 und 1147, in denen Sugers Einfluß beim König auffallend
gering war, durch rege Bautätigkeit an der Abteikirche von St-Denis
und die Arbeit an der Lebensbeschreibung Ludwigs
VI., der Vita Ludovici Grossi, bestimmt wurden.
Erst in Zusammenhang mit Ludwigs
VII. Kreuzzugsplan scheint Suger nach einer Phase der Distanz
wieder in die Nähe des Königs gekommen zu sein. Auf einer Reichsversammlung
in Etampes schlug Bernhard von Clairvaux 1147 den Abt von St-Denis und
den Grafen von Nevers für die Regentschaft vor; der Papst unterstützte
die Kandidatur Sugers, während Ludwig durch
Benennung des Erzbischofs Samson von Reims und des Grafen
Rudolf von Vermandois ein Regenten-Kollegium bildete, an dessen
Spitze sich freilich bald der Abt von St-Denis durchsetzte und den König
1149 gegen Umtriebe seines Bruders Robert von Dreux schützte, der
den verhängnisvollen Ausgang des Zuges ins Heilige Land zum Sturz
Ludwigs nutzen wollte.
Durch rasche Auffassungsgabe, ein vorzügliches Gedächtnis
und den Sinn für historische Zusammenhänge, durch große
Formulierungs- und Überzeugungskraft war Suger der ideale Ratgeber,
wenngleich wir den individuellen Einfluß an Höfen nicht überschätzen
dürfen, deren Eigenart geade durch Vielfalt der Stimmen, Kräfte
und Ziele bestimmt wird, die auf den Monarchen wirkten. Wenn Suger im Bewußtsein
der Nachwelt als Leitfigur der Monarchie erscheint, so liegt das wesentlich
an seinem Sinn für die Wirkung des Kontinuität schaffenden, repräsentativen
Erinnerns, am Bezug des Gedächtnisses auf zentrale Orte, in erster
Linie auf seine eigene, von ihm selbst zum Monument ausgebaute Klosterkirche
mit den Grablegen der Könige. In 11 Monaten des Jahres gedachte der
Konvent von St-Denis jeweils an einem bestimmten Tage gleichzeitig Sugers
und KARLS DES KAHLEN. Eine deutliche
Hochschätzung der karolingischen Tradition
aus dem Bewußtsein exzeptioneller Förderung des Klosters und
des Heiligen Dionysius durch die fränkischen Herrscher, den westfränkischen
König KARL DEN KAHLEN im besonderen. Daraus ergab sich
die immer wieder betonte Königsnähe des Klosters bis in die Gegenwart
des 12. Jahrhunderts, denn die Kapetinger waren nicht nur faktisch die
Amtsnachfolger der KAROLINGER, sondern
sie taten auch alles, um legitimatorisch so gesehen zu werden. Viele geistliche
Institutionen unterstützten sie dabei, denn auf diese Weise konnten
die Könige genötigt werden, Schutz- und Ausstattungsversprechen
ihrer Vorgänger zu übernehmen. Förderung des Königtums
durch den Klerus mußte demnach die Förderung geistlicher Einrichtungen
durch den König nach sich ziehen; je mehr der Vasall des heiligen
Dionysius an Stärke zunahm, um so wirkungsvoller konnte er seinen
Verpflichtungen nachkommen. Aus dieser Einsicht heraus wurde Suger zum
Theoretiker des französischen Königtums.
Am 13. Januar 1151 ist der Abt von St-Denis im Alter
von 70 Jahren gestorben. Sein Tod bedeutet insofern eine Caesur in der
Regierung Ludwigs VII., als der König
nun die Trennung von seiner Gemahlin vollziehen konnte und damit einen
Schritt tat, von dem Suger bis an sein Lebensende abgeraten hatte. Am 21.
März 1152 traf das Königspaar auf der südwestlich von Orleans
an der Loire gelegenen Burg Beaugency mit den Erzbischöfen
von Sens, Reims, Rouen und Bordeaux, einem Teil ihrer Suffragane und Großen
des Reiches zusammen. Mit Billigung dieser Versammlung wurde Ludwigs
Ehe geschieden; formell wegen zu naher Verwandtschaft, tatsächlich
in gegenseitigen Einvernehmen nach zerrüttender Entfremdung und auf
Grund der Dynastie bedrohenden Tatsache, dass
Eleonore nach 15-jähriger Ehe nur zwei Töchter zur
Welt gebracht hatte: Marie, die mit
dem Grafen Heinrich I. von Blois-Champagne verheiratet wurde, und Alix,
später Gemahlin Tedbalds V. von Blois-Chartres. Unmittelbar nach dem
Tag von Beaugency verließ Eleonore
den Hof und die Francia. Sie kehrte nach Aquitanien zurück, um schon
zwei Monate später eine neue Ehe einzugehen, diesmal mit dem Grafen
Heinrich "Plantagenet" von Anjou. Damit war der König von
Frankreich territorial auf die Ebene eines mittleren Fürsten zurückgefallen,
eingeschnürt von der anglonormannischen Monarchie, die sich nun zum
angevinischen Reich umformte, zur stärksten europäischen Macht
nach dem Imperium, aber, anders als dieses, expansiv und aggresiv.
Graf Gottfried von Anjou,
Heinrichs
Vater, hatte für die Rechte seiner Gemahlin Mathilde
in
der Normandie gekämpft und war 1146 in Rouen als Herzog anerkannt
worden; Mathildes Anspruch auf den englischen Thron hat er nie aufgegeben.
Als er 1151 starb, übernahm sein Sohn mit den Loire-Grafschaften und
dem Herzogtum Normandie auch den englischen Rechtstitel. Verzweifelt suchte
Ludwig
VII. eigene Ansprüche auf Aquitanien zu erhalten, aber
ein Feldzug, den er im Bunde mit Heinrichs
Bruder Gottfried und abtrünnigen
Großen des Anjou unternahm, unterstützt von seinem Schwiegersohn
Heinrich von Blois-Champagne, den Grafen Eustachius
von Boulogne und Robert von Dreux,
fiel schwach aus und hinderte Heinrich Platagenet
nicht an der Überfahrt nach England, wo er
König Stephan von Blois zu einer Nachfolgevereinbarung
zwingen konnte: Heinrichs Thronrecht,
gegründet auf das Erbe seiner Mutter Mathilde,
wurde anerkannt und sollte nach dem Ableben König
Stephans realisiert werden. Ludwigs
VII. Zug nach Aquitanien hängt mit dieser bedrohlichen
Konstallation eng zusammen, denn sein Mikämpfer Eustachius
von Boulogne war der Sohn Stephans
von Blois und strebte selbst nach der englischen Krone. Dies
alles war nun verloren. Am 25. Oktober 1154 starb König
Stephan und wenig später, am 4. Adventssonntag (19. Dezember),
krönte der Erzbischof von Canterbury Heinrich
von Anjou und seine Gemahlin Eleonore
zum König und zur Königin von England.
Für Ludwig VII.
bedeutete das weit mehr als nur einen Rückfall auf den Stand der letzten
Regierungsjahre seines Vaters, denn der Kontinentalbesitz Heinrichs
II. reichte mit der Normandie, Anjou, Maine, Touraine und Aqutanien
als nahezu geschlossenes Herrschaftsgebiet vom Kanal bis zu den Pyrenäen,
wurde sehr wirksam nach anglonormannischer Praxis verwaltet und drohte,
das kapetingische Königtum für
eine Übergangszeit bis zur endgültigen Vernichtung, auf die Ile-de-France
zu beschränken. Die Lehnshuldigung, mit der Heinrich
II. 1156 den karolingisch fundierten Legitimationsbereich des
rex Francorum anerkannte, hat für sich genommen den Fortbestand der
französischen Monarchie nicht garantiert; was sie am Leben erhielt,
war ihr inzwischen durch lange und enge Beziehungen zum Papsttum erreichtes
Ansehen als spirituelle Großmacht, deren König von den gelehrten
Engländer Johann von Salisbury bald als rex christianissimus bezeichnet
werden sollte, als allerchristlichster König unter den Monarchen Europas.
Während Heinrich II. in England
gekrönt wurde, begab sich Ludwig VII. auf
eine Wallfahrt nach Santiago de Compostela; anstatt die Grenzen der Normandie
zu beunruhigen, schützte er die Mönche von Vezelay gegen Angriffe
des Grafen von Nevers; auf einer Versammlung in Soissons erließ er
einen 10-jährigen Gottesfrieden.
Am 31. August 1158 kam es auf der normannischen Grenzburg
Gisors zum Ausgleich mit Heinrich II.:
Dessen dreijähriger erstgeborener Sohn und Erbe Heinrich
wurde
mit der 6 Monate alten Tochter Margarethe aus
Ludwigs
VII. zweiter Ehe mit Constanze von
Kastilien verlobt. Wenn dieser Bund Bestand und der französische
König keinen männlichen Nachfolger hatte, konnte durch Erbfall
ein anglonormannisch-französisches Großreich entstehen. Als
der englische König bald darauf Paris besuchte, wurde er mit großen
Ehren empfangen. Auf seinem Rückweg besetzte er Nantes und nahm damit
den französischsprachigen Teil der Bretagne in Besitz, während
Ludwig
VII. eine Wallfahrt zum Berg des Heiligen Michael in der Normandie
vorbereitete.
Moderne, von "realpolitischen" Erwägungen geleitete
Kritik an solchen Verhaltensweisen wird ihnen schon deshalb nicht gerecht,
weil sie ihre eigene Auffassung von Realität naiv ins hohe Mittelalter
überträgt: Jüngste Erfahrungen mit hochideologisierter Politik,
mit der Umformmung fundamentalistischer Bewegungen zu Staaten und Parteiorganisationen
sollen den Blick dafür geschärft haben, dass aufgeklärt-bürgerliches
Verständnis von politischer und mentaler Wirklichkeit nicht anthropologisch
begründet, sondern historisch entstanden, gefährdet und vergänglich
ist.
Am 4. Oktober 1160 starb Constanze
von Kastilien, und schon fünf Wochen später heiratete
der König Adela von Champagne,
Schwester Heinrich I. von der Champagne aus dem Hause BLOIS. Die
Hochzeit war Ausdruck einer Wendung der bisher königsfeindlichen Politik
des Hauses CHAMPAGNE. Heinrich I. hatte 1152 die Herrschaft übernommen
und die Loiregrafschaften gegen Mannschaftsleistung seinen jüngeren
Brüdern überlassen, ums sich selbst auf die Champagne zu konzentrieren.
Stete Annäherung an die KAPETINGER
ließ ihn zum Schwager des Königs werden; vier Jahre später
wurde er durch Vermählung mit Ludwigs VII.
Tochter Marie auch sein Schwiegersohn.
Ein Gegengewicht zum angevinischen
Druck ergab sich hieraus allerdings noch nicht, denn Heinrich
II. reagierte auf das neue Bündnis mit der unabweisbaren
Forderung, das Verlöbnis seines Sohnes mit der Prinzessin
Margarethe
in eine Ehe umzuwandeln:
Margarethes
Heiratsgut, die Grafschaft Vexin, schob die Herrschaft des englischen Königs
bis auf 40 Kilometer an die Mauern von Paris. Gleichwohl war die Verbindung
mit dem champagnischen Grafenhaus eine Stärkung Ludwigs
VII. angesichts der schwersten Krise seiner gesamten Regierungszeit,
ausgelöst durch ein Bündnis Heinrichs
II. mit
Kaiser FRIEDRICH I.
Rettung brachte das nach dem Tod Papst Hadrians IV. im
September 1159 ausgebrochene Schisma. Eine Mehrheit der Kardinäle
entschied sich bei der Nachfolgeregelung für Roland Bandinelli, den
Kanzler der römischen Kurie, der als Papst den namen Alexander III.
annahm. Aus einer vornehmen Familie in Siena stammend, hatte Roland in
Bologna die Rechte gelehrt und eine Summe zum Dekret Gratians verfaßt;
souverän beherrschte er die philosophisch-wissenschaftlichen Methoden
der französischen Frühscholastik und war als Gegner des Kaisers
bekannt. Die Minderheit der Wahlkörperschaft erhob in tumultuarischer
Form den Kardinal Octavian, einen Mann FRIEDRICHS
I., als Victor IV. Entscheidung über die Rechtmäßigkeit
einer der beiden Wahlen konnte nur die Anerkennung des einen oder des anderen
durch die gesamte Christenheit bringen, weil im Verständnis der Zeit
einfaches Zählen der Stimmen nicht zur hinreichenden Legitimation
führte. Letztlich ging es um die Frage, ob geistliche, das heißt
päpstliche, oder weltliche, das heißt kaiserliche, Gewalt in
der Christenheit den Vorrang vor der anderen haben sollte. Während
FRIEDRICH
I. sich erwartungsgemäß für Victor IV. erklärte,
sprachen sich Heinrich II. von England,
der Episkopats Ludwigs VII. und die
Zisterzienser für Alexander III. aus. Der König von Frankreich
zögerte.
In den Zisterziensern hatte Alexander III. mächtiger
Unterstützung. Diese rasch zum Orden erweiterte benediktinische Mönchsgemeinschaft
war aus dem 1098 durch Robert von Lolesma südlich von Dijon gegründete
Kloster Citeau hervorgegangen und hatte mit Bernhard von Clairvaux eine
charismatische Führergestalt erhalten, die so starke Impulse gab,
dass 1153, beim Tod des großen Abtes, im Gebet der lateinischen Kirche
schon 350 Zisterzienser-Klöster bestanden. Ihre durch jährliche
Generalkapitel zentral überwachte und modifizierte Verfassung brachte
ein nach Maßstäben der Zeit weltweite Kommunikationssystem hervor;
Zisterzienser erlangten bedeutende Kirchenämter, 1145 bestieg einer
der ihren, Schüler Bernhards von Clairvaux, als Eugen III. den päpstlichen
Thron.
Große Wirkung ging auch von den französischen
Hohen Schulen aus, denn dort hörten aus aller Herren Ländern
zusammengeströmte Scholaren die intellektuell besser fundierten Argumente
zugunsten Alexanders III. Besonders unter den Studenten der Pariser Schulen
befanden sich die künftigen Führungskräfte der europäischen
Landeskirchen; Bischöfe, Schulleiter, Pröpste, Archidiakone und
andere Dignitäre der großen Stiftskapitel verdankten ihre Karrieren
auch im Römischen Reich nicht mehr nur adliger Abstammung und Förderung
durch ihre Familien oder den König, sondern sie mußten darüber
hinaus immer häufiger eine im Sinne der Zeit moderne wissenschaftliche
Ausbildung nachweisen, um sich Konkurrenten gegenüber zu behaupten.
Die führenden Schulen aber gab es in Frankreich, in Paris vor allem,
und man fand sie nicht nur an den Kathedralen, sondern auch im privaten,
von freien Magistern gegen Honorar angebotenen Unterricht. Im Milieu dieser
Schulen mit ihrer internationalen Ausstrahlung dominierten die Anhänger
Alexanders III., den kaiserlicher Druck im April 1162 aus Italien nach
Montpellier vertrieb. Von dort nahm er Verbindung zu Ludwig
VII. auf, der im Gegensatz zu seinen Bischöfen und der
Mehrheit des übrigen Klerus immer noch keine Stellung bezogen hatte.
Nachhaltig wirkte seine Verstimmung über den Dispens, den Alexander
auf Ersuchen Heinrichs II. für
die Ehe der minderjährigen Königskinder
Heinrich und Margarethe
hatte gewähren müssen; der um seine Anerkennung kämpfende
Papst brauchte die Voten der Könige und war deshalb erpreßbar.
Für Ludwig VII. eröffnete
das Schisma Aussicht auf Annäherung an den Kaiser gegen Heinrich
II.; die Verwandtschaft der Champagner Grafen mit Victor IV.
bildete eine Brücke, die der König von Frankreich im Sommer 1162
betrat. Für den 29. August 1162 vereinbarte man ein Treffen beider
Monarchen und des Episkopats ihrer Länder in St-Jean-de-Losne an der
Saone südlich von Dijon, auf dem die Rechtmäßigkeit eines
der beiden Päpste öffentlich und für die übrige Welt
verbindlich festgestellt werden sollte. War allein die Haltung der französischen
Bischöfe ein schweres Hindernis für den Konferenzzweck, so belastete
das undiplomatisch formulierte Ladungsschreiben des Kaisers an den Episkopat
des Reiches jede Ver-handlung dadurch, dass es die Anerkennung Victors
IV. als sichere Tatsache bereits voraussetzte. Der französischen Delegation
mißfiel überdies eine unverhältnismäßig starke
kaiserliche Heeresabteilung in der Nähe des Treffpunktes, so dass
es gar nicht erst zu Verhandlungen kam.
Für den französsichen wie für den englischen
König bestand das Grundproblem darin, den jeweils anderen am Bündnis
mit dem Kaiser zu hindern, ohne selbst in der Papstfrage die Position FRIEDRICHS
I. übernehmen zu müssen. Die Emanzipation der westlichen
Monarchien vollendet sich darin, dass sie die Entscheidung über eine
Kirchenleitung, die naturgemäß ständig in die Belange der
Königreich eingriff, nicht mehr allein dem deutschen König in
seiner Eigenschaft als römischen Kaiser überließen. Vor
diesem Hintergrund muß es als diplomatisches Meisterstück Alexanders
III. gewertet werden, dass er Heinrich II.
dazu brachte, dem französischen König für den Fall eines
kaiserlichen Angriffs militärische Hilfe zu versprechen. In einem
Brief an Bischof Batholomäus von Exeter überliefert Johann von
Salisbury die Bemerkung des Kaisers, dass seine ihm bis dahin günstige
Fortuna in St-Jean-de-Losne begonnen habe, ihn zu Boden zu drücken.
In der Tat zeigte das 1163 in Tours abgehaltenen Konzil
Frankreich und England geschlossen in der Oboedienz Alexanders III., dem
die Lage gleichwohl unbefriedigend erscheinen mußte, weil seine Sache
offensichtlich nur mehr ein Indikator für jeden Grad an Eigenständigkeit
war, den Ludwig VII. und Heinrich
II. mittlerweile gegenüber dem Imperium erreicht hatten.
Im Wechsel des päpstlichen Exils von Deols und Tours, also aus dem
Reich Heinrichs II., nach Bourges und
Sens unter die Hoheit Ludwigs VII.,
kommt das zum Ausdruck, denn obwohl der Papst seine bisherige Behauptung
im wesentlichen Heinrich II. verdankte,
ließ es dessen Haltung gegenüber der englischen Landeskirche
doch geraten erscheinen, vorsichtig Distanz zu halten.
Seit seinem Regierungsantritt als König von England
versuchte Heinrich II., die unter Stephan
von Blois stark erweiterten Rechte der Bistümer und großen
Abteien zu mindern, um die Kirchenhoheit der früheren Könige
seit Wilhelm dem Eroberer wiederherzustellen.
Er wurde dabei von seinem Kanzler Thomas Becket unterstützt, dem Archidiakon
der Kirche von Canterbury, der in erstaunlicher Weise die progressiven
Kräfte verkörperte, denen die Zukunft gehören sollte. Aus
dem reichen Londoner Handelsbürgertum stammend war er an den neuen
Schulen von Paris und Bologna zum Theologen und Kanonisten ausgebildet
worden, hatte Sinn für fürstliche Repräsentation und ein
bemerkenswertes administratives Geschick, gepaart mit Durchsetzungsvermögen.
1162 erhob Heinrich II. ihn deshalb
zum Erzbischof von Canterbury, aber schlagartig, als wirkliche conversio,
traten nun die asketischen Züge seiner Persönlichkeit hervor.
Fortan verteidigte Thomas die Rechte der Kirche und stellte die übergeordnete
Geltung des kanonischen Rechts den römischrechtlich begründeten
Forderungen des Königs entgegen, wie sie in den Konstitutionen von
Clarendon (Januar 1164) niedergelegt waren. Der Erzbischof sah die Gefahr
der Unterordnung des Klerus unter die königliche Gerichstbarkeit und
insoweit die Aussonderung der englischen Kirche aus der päpstlichen
Jurisdiktion, ihre institutionelle Trennung von der einen lateinischen
Kirche. Als Becket schließlich in das französische Zisterzienserkloster
Pontigny flüchten mußte und in Frankreich die Unterstützung
Alexanders III. genoß, kam es zum Bruch zwischen Papst und englischem
König.
Er führte nicht zum Krieg, sondern zu einer unsteten
Folge von Fehdehandlungen und Grenzkämpfen, ständig begleitet
von Verhandlungen zwischen den Königen, dem Papst und Thomas Becket,
unwillig beobachtet von den Zeitgenossen, die des Schismas sichtlich überdrüssig
geworden waren. Die unnachgiebige Haltung Beckets mußte Heinrich
II. in die Arme des Kaisers treiben, falls Alexander dem Erzbischof
von Canterbury Unterstützung gewährte; unterließ er sie,
lieferte er die englische Kirche ihrem König aus. In dieser Lage fiel
Ludwig VII. die Rolle des Vermittlers zu. Zwischen Januar 1169
und Juli 1170 legte er auf drei Konferenzen die dünne Decke pragmatischer
Kompromisse über nach wie vor unvereinbaren Standpunkte, so dass Thomas
Becket nach England zurückkehren konnte. Schon die ersten Amtshandlungen
mit Disziplinar- und Rechtssprüchen führten zu einer Fülle
von Appellationen an Heinrich II.,
der im Dezember 1170 bei der Tafel seinem Ärger Luft machte und fragte,
ob ihn denn niemand von "diesem Priester" befreien könne. Vier Ritter
des königlichen Gefolges verstanden das unbedachte Wort als Auftrag
und erschlugen den Erzbischof am 29. Dezember vor dem Altar der Kathedrale
von Canterbury.
Damit war die moralische Position des englischen Königs
vernichtet. Ludwig VII. konnte sich
auf dem Höhepunkt einer populären Grundwoge fühlen, als
er, nunmehr treuester Verbündeter des vom Kaiser immer noch nicht
anerkannten Papstes Alexander III., Heinrich II.
zur
öffentlichen Kirchenbuße drängte. Vor dem Hintergrund einer
rasch europaweit einsetzenden Becket-Verehrung, die schon 1173 mit der
Heiligsprechung approbiert wurde, wuchs das Ansehen des mit seinem Episkopat
und dem überwiegenden Teil des Klerus, dem Zisterzienser-Orden und
den hohen Schulen einigen Königs von Frankreich weit über das
Maß aller materiellen Machtgrundlage hinaus. Erstmals erschien der
König und mit ihm die Monarchie als Integrationsfaktor für die
Bevölkerung eines Reiches, dessen historische Grenzen keineswegs mit
dem damals noch engen Wirkungsbereich der königlichen Verwaltung identisch
waren.
Dass die höhere Autorität des Königs über
die aktuelle politische und kirchenpolitische Konstellation der europäischen
Mächte hinaus Bestand hatte, ist im wesentlichen auf eine innere Komsolidierung
der Reichsverwaltung zurückzuführen.
Schon Ludwig VI.
hatte begonnen, ein im Gegensatz zur fluktuierenden Hofgesellschaft ständiges
Gefolge (chevalier royaux) zu unterhalten, eine Praxis, die sein Sohn fortsetzte,
um die kleinere und mittlere Aristokratie an sich zu binden und dem drückenden,
in Form der Beratung ausgeübten Einfluß großer Herren
allmählich zu entgehen. In den 50er Jahren des 12. Jahrhunderts hatte
sich dieser Kreis der chevaliers nicht zuletzt durch Heiraten zwischen
ihren Familien gefestigt, so dass allmählich eine homogene Gruppe
entstehen konnte, deren Mitglieder ihre gesellschaftliche Stellung dem
König verdankten und deshalb (ähnlich den großen Ministerialen
im Römischen Reich) schon aus Eigeninteresse loyal waren. Anders als
im Reich aber und insoweit italienischen Verhältnissen vergleichbar
war in Frankreich der Adel auch in den Städten seßhaft und für
deren neue Lebensfoem offen; ein Hauch urbanen Geistes kam auf diese Weise
an den Königshof.
Anders und schwieriger war das Verhältnis des Königs
zu den Inhabern der großer Hofämter, den grands officiers, denn
diese Ämter lagen traditionell in der Hand des Hochadels, der sie
als Ehren beanspruchte und samt der Ausstattung immer wieder in den Familien
vererben wollte. Ludwig VII. konnte
einerseits die königliche Zustimmung als Voraussetzung für Amtsübernahmen
wieder geltend machen, andererseits beschleunigte er die Entwicklung jener
honores zu Würden ohne praktische Funktion. Indem er einem aristokratischen
Urbedürfnis nach Repräsentation entgegenkam, nahm er den Würdenträgern
binnen kurzem die Kompetenz, weil ihnen die nur im aktiven Dienst erwerbbare
Sachkenntnis abhanden kam. Den Durchbruch erreichte Suger von St-Denis
während seiner Regentschaft zwischen 1147 und 1149, indem er den Kämmerer
(chambrier) als Inhaber eines großen Hofamtes faktisch durch seine
früheren Gehilfen verdrängen ließ, die camberlani oder
cubicularii, die nun alle Tätigkeiten der Finanzverwaltung ausführten
und seit 1150 mit der neuen Amtsbezeichnung camerarii in den Urkunden erscheinen.
Unmittelbarer politischer Einfluß und Verwaltung begannen auseinanderzutreten;
ihre endliche Trennung ist das entscheidende Kennzeichen für den qualitativ
neuen Staat, Zeichen einer beginnenden Modernisierung, wie sie das Römische
Reich nie erlangen sollte. Am Ende bahnte sich eine neue Vorstellung von
der Monarchie als transpersonaler Staatsordnung den Weg, in der die Person
des jeweiligen Königs hinter der Institution einer dem Gemeindewohl
verpflichteten Krone zurücktrat.
Schon die Anfänge dieses langanhaltenden Prozesses
haben praktische Auswirkungen gehabt. Sie zeigen sich am besten in der
letzten großen Auseinandersetzung mit Heinrich
II., weil Ludwig VII. in
seiner Eigenschaft als Lehnsherr für den Kontinentalbesitz des Hauses
PLANTAGENET
erfolgreiche
Initiativen zu dessen Spaltung ergreifen konnte.
Heinrich
der Jüngere und Richard,
später "Löwenherz" genannt,
erwarteten ungeduldig den Tag, an dem sie selbst zur Herrschaft kommen
würden, sei es durch den Tod des Vaters, sei es durch Ausstattung
mit Teilen des Reiches. Besonders die zweite Hoffnung konnte sich auf Autonomiewünsche
des bretonischen, normannischen und aquitanischen Adels stützen, denen
Heinrich
II. durch Einsetzung seiner Söhne als Herzöge hätte
Rechnung tragen können. Als Schwiegervater empfing Ludwig
den
englischen Kronprinzen im Jahre 1173 in Paris wie einen regierenden König
und ermutigte damit eine allgemeine, zwischen Schottland und der Loire
um sich greifende Erhebung, die Heinrich II.
zwar niederschlagen konnte, deren strukturelle Ursachen aber nicht beseitigt
wurden und in die 80er Jahre des 12. Jahrhunderts, in die Anfänge
Philipps
II., hineinwirkten. Vermutlich haben diese Erfahrungen mit dem
anglonormannischen Königshaus
Ludwig VII.
veranlaßt, die an sich übliche Krönung seines Sohnes
Philipp zum Mit-König immer wieder hinauszuzögern.
Im Herbst 1179 erlitt Ludwig
VII. einen Schlaganfall, der ihn halbseitig lähmte.
Jetzt erst konnte ein Hoftag in der Pariser Bischofsplatz die Erklärung
entgegennehmen, dass der regierende König seinen Sohn mit Zustimmung
dieser Versammlung krönen lassen werde. Beifall besiegelte den Willen
des Monarchen, von einer Königswahl konnte keine Rede mehr sein. Am
Allerheiligen (1. November) krönte Erzbischof Wilhelm seinen Neffen
Philipp
in der Kathedrale von Reims. Gerade rechtzeitig hatte er ein Privileg des
dankbaren Papstes Alexander III. erhalten, demzufolge er und seine Amtsnachfolger
allein das Recht haben sollten, den König von Frankreich zu krönen.
Knapp ein Jahr später, am 18. September 1180, starb
Ludwig VII. in Paris und wurde in dem von ihm selbst gegründeten
Zisterzienserkloster Notre-Dame-de-Barbeau bei Fontainebleau beigesetzt.
Er hinterließ seinem Sohn eine im Vergleich zu den eigenen Anfängen
stark reduzierte Herrschaft, die aber in den verbliebenen Kerngebieten
administrativ gut organisiert war und im ganzen an Autorität gewonnen
hatte. Mit ihrem starken Sinn für Kontinuität hat die geistlich
dominierte Führungsschicht der französischen Monarchie dieses
Erbe gehütet, so dass es der Zukunft erhalten blieb.