Mayer Hans Eberhard: Seite 43-45,47-49,55-63
********************
"Geschichte der Kreuzzüge"
Als einer der ersten verließ Mitte August
1096,
also zum festgesetzten Termin, Gottfried von
Bouillon
mit einer großen Menge von Lothringern, Nord-Franzosen und
Deutschen
die Heimat. Er stammte aus dem Hause der Grafen von Boulogne und
war von HEINRICH IV. 1087 zum Herzog
von Nieder-Lothringen ernannt worden. Er scheint sich in dieser
Stellung
keinen allzugroßen Einfluß errungen zu haben, so dass er
vielleicht
im Kreuzzug die Möglichkeit sah, zu höheren Zielen zu
gelangen.
Wir wissen allerdings gar nichts über die Gründe seiner
Kreuznahme.
Aus dem teilweise schon in den Quellen berichteten Verkauf seiner
Güter,
ja sogar seiner Stammburg Bouillon, hat die Forschung zum Teil
geschlossen,
dass er die Brücken hinter sich abzubrechen und nicht mehr
zurückzukehren
gedachte. Aber eine genaue Betrachtung erweist, dass er für die
Finanzierung
von seinen Familiengütern nur
Stenay und Mousay zwischen Verdun
und
Sedan an den Bischof von Verdun verkaufte, mit dem er hierüber
einen
langen Streit gehabt hatte und dem er im Zuge dieser Flurbereinigung
die
von ihm zu Lehen besessene Grafschaft Verdun zurückgab,
freilich
mit dem Proviso, dass der Bischof sie seinem
Bruder Balduin
verleihen müsse. Dagegen hat er den "Pays de Bouillon"
(östlich
von Sedan in Belgien) als seinen Hauptbesitz dem Bischof von
Lüttich
nur verpfändet, sich und seinen Erben ein Auslösungs- oder
Rückkaufsrecht
jedenfalls ausdrücklich vorbehalten. Vor allem aber verzichtete er
nie auf sein Herzogtum, sondern holte vorschriftsmäßig die
kaiserliche
Erlaubnis zum Verlassen des Reiches ein, und der Kaiser ernannte auch
erst
nach Gottfrieds Tod einen neuen
Herzog
von Nieder-Lothringen. Da Gottfried der
erste war, der später über Jerusalem regieren sollte, hat
sich
die Legende in hervorragendem Maße seiner angenommen und ihn zu
einer
Art Leitbild des idealen Kreuzfahrers gestempelt. Dieser Prozeß
setzte
schon kurz nach dem 1. Kreuzzug mit dem Chronisten Albert von Aachen
ein,
der in Gottfried seinen Heros
sah.
Gottfried
war sicherlich nicht so reinen Herzens und Gemüts, wie man ihn im
Mittelalter hingestellt hat, aber er war andererseits auch keine
absolut
mittelmäßige Figur, wie man im 19. Jahrhundert angenommen
hat.
Er war reich genug, um ein ansehnliches Kontingent von Vasallen und
Rittern
aufzubringen, und es waren vornehmlich Lothringer, die während und
nach dem Kreuzzug in seiner Umgebung einflußreich waren. Der Zug
verlief reibungslos und schon am 23. Dezember 1096 war Gottfried
in Konstantinopel, wo er bereits den Grafen
Hugo
von Vermandois vorfand, der etwa zur gleichen Zeit
aufgebrochen
war, mit seinem kleinen Kontingent aber den Seeweg genommen hatte. Die
Lehnseidleistung durch Graf Hugo
führte
dazu, dass Gottfried von Bouillon,
der als nächster ankam, wiederholte Einladungen des Kaisers, in
die
Stadt zu kommen, ausschlug. Auch weigerte er sich, den Eid zu leisten.
Alexios
versuchte zweimal, Gottfried unter
Druck zu setzen, indem er die Lebensmittellieferungen für das Heer
sperrte, worauf die Lothringer mit Plünderungen der Vorstädte
antworteten. Beim zweitenmal, im Januar 1097, ließ Gottfried
sogar den kaiserlichen Blachernenpalast belagern. Alexios
war nicht gewillt, das zu dulden; auch wollte er Gottfried
vor
dem Eintreffen weiterer Kreuzfahrer nach Kleinasien bringen. Er
ließ
es auf einen Kampf mit den Kreuzfahrern ankommen, bei dem sich diese
den
byzantinischen Truppen unterlegen erwiesen. Gottfried
war nunmehr bereit, am 20. Januar den geforderten Eid zu leisten. Er
wurde
mit seinem Heer sogleich über die Meerenge transportiert und
marschierte
entlang der Küste des Marmara-Meeres nach Pelecanum, einem
byzantinischen
Militärlager.
Das erste Ziel der Kreuzfahrer war Nicaea, die
Hauptstadt
des Seldschuken-Sultans
Kilidsch-Arslan.
Sie lag günstig an einem See und war durch über 200
Türme
gesichert. Am 6. Mai kam Gottfried an,
vier Wochen später war das gesamte Heer beisammen, die Belagerung
kam aber schon am 14. Mai in vollen Gang. In der Stadt befand sich
nicht
nur der seldschukische
Staatsschatz, sondern auch die Familie des
Sultans.
Am 21. Mai wurde Kilidsch-Arslan,
der
die Kreuzfahrer nicht ernst genommen hatte, besiegt und zog ab. Hier
zeigte
sich zum erstenmal, dass die Kreuzritter, wenn sie in offener Schlacht
auf die Muslime stießen, diesen durch den wuchtigen Anprall ihrer
gepanzerten Reitertruppen überlegen waren. Am 19. Juni
übergab
die Besatzung die Stadt Nicaea dem byzantinischen
Admiral Butunites.
Nach einem Sieg über die Seldschuken am 30. Juni
1097 fiel das türkische Lager mit seinen Prunkzelten und seiner
reichen
Beute den Kreuzfahrern in die Hände.
Am 7. Juni 1099 erklomm das Heer einen Berg, über
den die Straße führte, und nun endlich sahen die Kreuzfahrer
Jerusalem vor sich liegen. Nachdem man drei Belagerungstürme
fertiggestellt
hatte, begann man guten Mutes in der Nacht vom 13./14. Juli den
Angriff.
Gottfried
hatte
im Norden mehr Erfolg mit seinem Turm als Graf Raimund im
Südwesten.
Am 15. Juli 1099 manövrierte er ihn unweit des heutigen Herodestor
geschickt an die Mauer und ließ von oben eine Brücke herab.
Ein flämischer Ritter aus
Tournai namens Letold stürmte
als
erster
Kreuzfahrer auf die Mauer, gefolgt von
Gottfried
und
den Lothringern sowie Tankred.
Während die Lothringer ihren
Genossen
die Tore öffneten, stürmte Tankred
zum Tempelplatz, dem
Zentrum
der Stadt, vor und besetzte die Aqsa-Moschee. Außer dem
fatimidischen
Gouverneur und seinem Gefolge kam kein Muslim mit dem Leben davon. Der
Rausch des Sieges, der religiöse Fanatismus der Kreuzfahrer und
die
aufgestaute Erinnerung an die durchstandene Mühsal von drei Jahren
entlud sich in einem entsetzlichen Blutbad, dem unabhängig von
Religion
und Rasse jedweder zum Opfer fiel, der den metzelndnen Kreuzfahrern vor
die Klinge geriet.
Nachdem die ersten sanitären
Ordnungsmaßnahmen
getroffen worden waren, versammelten sich die geistlichen und
weltlichen
Führer des Kreuzzuges, um über weitere Maßnahmen zu
beschließen.
Es stellte sich jetzt heraus, dass man von Europa ausgezogen war,
merkwürdigerweise
ohne irgendwelche Vorstellungen zu haben, was man denn mit Jerusalem
nach
seiner Eroberung anfangen sollte. Raimund
lehnte die ihm angebotene
Krone
ab mit der schlauen Bemerkung, er wolle nicht König sein, wo
Christus
gelebt habe. Er erkannte wohl, dass ihm das Angebot nur mit halbem
Herzen
gemacht worden war, und hoffte, durch seine Antwort auch Gottfried
an der Übernahme der Herrschaft hindern zu können. Gottfried
war im Heer allgemein beliebt,
und er hatte es verstanden, sich aus den
unerquicklichen Streitigkeiten der
Fürsten weitgehend
herauszuhalten,
wofür man in Kauf nehmen mußte, dass er eine weniger
profilierte
Persönlichkeit war als etwa Bohemund
oder Raimund. Er und seine
Berater
erwiesen sich jetzt freilich als sehr klug, denn Raimunds Manöver
wurde geschickt überspielt, indem Gottfried
zwar
die Krönung ablehnte, die ihm angebotene Herrschaft aber
übernahm,
womit die entscheidende Frage, welchen Herrschaftseinfluß man der
Kirche zubilligen solle, vorerst offengelassen wurde. Auf nicht ganz
feine
Art gelang es Gottfried auch, sich
in den Besitz des Davidsturms zu setzen, den Raimund von Toulouse
erobert
hatte, ohne den er nicht Herr in der Stadt sein konnte. Raimund zog
daraufhin
verärgert von Jerusalem ab und führte seine Leute zur
Pilgerfahrt
nach Jericho und an den Jordan.
Trotz aller Rebereien verschloß sich Raimund
ebensowenig
wie Robert von der Normandie, der
damals
in gespanntem Verhältnis zu Gottfried gestanden
zu haben scheint, dessen Aufruf zur Hilfeleistung gegen das
ägyptische
Heer, das unter dem Wesir al-Afdal
(1094-1121) von Süden
heraufrückte.
Am 12. August 1099 kam es in der Ebene vor der starken ägyptischen
Seefestung Askalon zur Schlacht. Die Ägypter wurden in ihrem Lager
von den Kreuzfahrern überrascht und vollständig aufgerieben;
al-Afdal floh in seine Heimat.
Am 13. August kehrte man im Triumph nach
Jerusalem zurück. Der Erfolg des Kreuzzuges war gesichert.
Anfang September 1099 verließen die meisten
Kreuzfahrer
Jerusalem. Robert von Flandern,
Robert von
der
Normandie, Balduin von Bourcq
und Raimund von Toulouse zogen
mit ihren Truppen nach Norden ab, die
beiden
Roberte, um nach Hause zurückzukehren. In Jerusalem blieben
nur Gottfried
von Bouillon und Tankred
zurück, deren Truppen nur
etwa
300 Ritter und 2.000 Fußsoldaten umfaßten. Gottfrieds
Herrschaft
beschränkte sich vorerst auf Jerusalem, den Hafen Jaffa und die
Orte
Lydda, Ramla, Bethlehem und St. Abraham (Hebron), das er stark
befestigte.
Tankred eroberte sich eine
eigene Herrschaft, die anfangs aus den
Städten
Tiberias, Nazareth und Beisan bestand, und nahm diese Gebiete als
Herrschaft
Tiberias von Gottfried
zu Lehen, und
allmählich entwickelte sich daraus das spätere
Fürstentum
Galilaea.
Nach der Aufhebung der Belagerung Latakias reiste
Erzbischof
Daimbert von Pisa, der mit mit einer pisanischen Flotte gekommen
war,
und
Bohemund von Antiochia nach
Jerusalem, wo sie zu Weihnachten 1099
zusammen
mit Balduin von Edessa, der sich
ihnen
angeschlossen hatte, eintrafen. Bohemund
und Balduin
hatten ja noch
immer
ihr Pilgergelübde zu erfüllen. Gottfried
benötigte Bohemunds und Balduins
Ritter ebenso dringend wie Daimberts
Flotte; er hatte ihren
Wünschen
daher nichts entgegenzusetzen. Dem Normannen
Arnulf wurde die Leitung
der
Kirche von Jerusalem entzogen und
Daimbert an seiner Stelle zum ersten
lateinischen Patriarchen (1099-1102) erhoben. Anschließend
erfolgte
eine Investitur Gottfrieds durch
den
Patriarchen, und auch Bohemund
ließ sich von Daimbert mit
Antiochia
investieren, während Balduin von Edessa
diesem Beispiel offenbar nicht folgte.
Der Akt von Weihnachten 1099 war in Wirklichkeit nichts
anderes als eine normale kirchliche Weihe des neu entstandenen
Staatswesens
in Jeerusalem. Eine Lehennahme, wie sie bereits im 12. Jahrhundert
gedeutet
wurde, wäre für Gottfried
inakzeptabel gewesen. Er scheint lediglich bereit gewesen zu sein, dem
Patriarchen eine geistliche Herrschaft im Reich zuzugestehen, wie man
sie
auch in Lydda eingerichtet hatte, nur vielleicht größer und
basierend auf dem Stadtviertel von Jerusalem, das die Patriarchen dort
besaßen. Daimbert dagegen
scheint mit bescheideneren Plänen
mindestens angefangen zu haben und an Gottfried,
dem er in einem Brief vor seiner Ankunft in Jerusalem einmal den selten
bezeugten Titel eines Sancti Sepulchri advocatus gab,
als Vogt
in
Jerusalem gedacht zu haben. Daimbert
gab sich mit einem Stadtviertel
nicht
zufrieden, sondern erzwang durch seinen Reichtum und seine Macht in
einer
Politik fortschreitender Erpressung von Gottfried
die Abtretung eines Viertels von Jaffa, dann der Zitadelle von
Jerusalem,
schließlich der gesamten Stadt und des Restes von Jaffa, was
alles
Gottfried
nur auf Lebenszeit zum Nießbrauch verbleiben sollte.
Das Abkommen ließ Gottfried
wenigstens Zeit, seine Macht in der Küstenebene auszudehnen, und
in
der Tat waren einige kleine Emire der Hafenstädte ebenso wie
einige
transjordanische Scheichs willens, ihm Tribute zu zahlen. Im Juni 1100
kam eine venezianische Flotte nach Jaffa. Sie wurde von Gottfried
freudig
begrüßt, da er in ihr eine Gelegenheit sah, sich von
Daimberts
Druck zu befreien, dessen Stellung durch die Abfahrt der Pisaner
geschwächt
worden war. Während er noch mit den Venezianern verhandelte, wurde
er von einer schweren Krankheit
befallen, aber der Vertrag kam noch
zustande
und sah für eine bis zum 15. August währende Hilfe zollfreien
Handel im ganzen Reich, Marktrecht in allen Orten und ein Drittel aller
mit der zugesagten Hilfe eroberten Städte vor. Der ungeheure Preis
beweist, wie sehr Gottfried daran
gelegen
war, ein Gegengewicht gegen Daimbert
zu schaffen. Doch er sollte eine
Änderung
der Verhältnisse nicht mehr erleben. Am 18. Juli 1100 erlag
er seinem Leiden. Er war der erste christliche Herrscher Jerusalems,
dem
an der Kreuzigungsstätte Golgatha eine würdige
Ruhestätte
bereitet wurde.